"Awards" der Woche
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Aachener Friedenspreis geht in diesem Jahr nach Siegen und in die USA.
Barbara Lee und Bernhard Nolz werden für Aufruf zu Besonnenheit und Mut zu Zivilcourage geehrt.
 
 
Der Preisträger Bernhard Nolz
Foto: 'Arbeiterfotografie' 
Als Gegenstück zum Karlspreis werden mit dem Aachener Friedenspreis Leute geehrt, die nicht im verordneten Meinungsstrom schwimmen.
Der Aachener Friedenspreis geht in diesem Jahr an den Siegener Lehrer Bernhard Nolz und die US-Kongressabgeordnete Barbara Lee. Damit würden ihr Aufruf zur Besonnenheit und ihr Mut zur Zivilcourage geehrt, sagten die Preisverleiher. 
Bernhard Nolz und Barbara Lee hätten ihr "unbeugsames Friedensengagement" nach den Terroranschlägen am 11. September fortgesetzt. Für ihre Appelle und das Nein gegen Militärschläge, so der Vorsitzende des Aachener Friedenspreises, Gerhard Diefenbach, mussten beide "Repressionen seitens staatlicher Stellen" oder "Hetzattacken" ertragen. Die Würdigung sei daher auch ein Zeichen der Solidarität in Zeiten eines "beängstigenden Klimas des Abbaus von elementaren Bürgerrechten". 
Bernhard Nolz hatte im September auf einer Demonstration unter dem Motto "Gegen Terror, Gewalt und Krieg" vor Siegener Schülern für den Frieden geworben und zur Kriegsdienstverweigerung aufgerufen (wir berichteten hier schon mehrmals über ihn und wie man mit ihm um sprang - leider auf der rechten Seitenhälfte). 
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Paul Breuer sagte daraufhin: "Ein solcher Mann, der muss aus dem Verkehr gezogen werden." In der Bild-Zeitung nannte der verteidigungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion den 57-Jährigen das "fünfte Rad am Wagen des Terrorismus". Der Hetzkampagne in der Presse folgte eine vorläufige Suspendierung vom Dienst, später die Versetzung an eine von Nolzens Wohnort 50 Kilometer entfernte Schule. Dem von ihm geleiteten Zentrum für Friedenskultur (ZFK) wurden die Zuschüsse von Seiten der rot-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen gekürzt. 
Die Auslober des Aachener Friedenspreises vertreten die Ansicht, dass hier "offensichtlich ein Exempel statuiert" und der langjährige Friedensaktivist und Sprecher der Initiative "Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden" (PPF) in "seiner materiellen Existenz bedroht werden" sollte. Nolz betrachtet die Ehrung "als eine Art Wiedergutmachung und Anerkennung" seiner Absichten. Er hofft, dass Gegner und Behörden merken, dass er, das Friedensinstitut ZFK und die rund 300 Lehrer starke PPF seriöse Arbeit leisten. 
Der Abgeordneten der Demokraten in Kalifornien, Barbara Lee, bescheinigt das Friedenspreiskomitee "ein unvorstellbares Maß an Zivilcourage" in Zeiten, in denen Kritiker wie in der McCarthy-Ära verdächtigt werden. Die internationale Friedenspreisträgerin war am 14. September die einzige von 420 Parlamentariern, die gegen die "Use-of-Force"-Resolution stimmte. US-Präsident George W. Bush darf dank dieses Beschlusses ohne Einschränkungen militärische Mittel im Kampf gegen Terror einsetzen. Vor dem Repräsentantenhaus begründete die bekennende Patriotin damals ihr Nein: "Unser Land trauert. Wenn wir jetzt zu einem übereilten Gegenschlag ausholen, riskieren wir, dass Frauen, Kinder und viele Unbeteiligte zwischen die Fronten geraten. Wir können auch nicht zulassen, dass unsere berechtigte Wut über diesen ungeheuerlichen Akt teuflischer Mörder Vorurteile gegenüber Amerikanern mit arabischer Abstammung, gegenüber Muslimen, Asiaten oder anderen nur auf Grund ihrer Religion, Rasse oder ethnischen Zugehörigkeit nährt." 
Daraufhin musste die 55-Jährige Beschimpfungen und Morddrohungen ertragen, sie wurde unter Polizeischutz gestellt. Lee repräsentiere, so das Preiskomitee, jene US-Amerikaner, die sich gegen den Krieg stellen. Die Parlamentarierin hatte schon 1998 die Bombardierung des Irak abgelehnt, ein Jahr darauf stimmte sie gegen den NATO-Krieg gegen Jugoslawien. 
Der Verein Aachener Friedenspreis besteht seit 1988. Die Preisträger werden traditionell am 8. Mai mitgeteilt, dem Tag der Kapitulation Nazideutschlands. Die feierliche Preisverleihung findet im September statt. Ausgezeichnet werden "Männer, Frauen und Gruppen, die von unten her" dazu beitragen, Frieden zu stiften. Preisträger waren unter anderem die Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl, die Brandenburgische Aktion Noteingang, die israelische Gruppe Gush Shalom um Uri Avnery und die kurdische Parlamentsabgeordnete und Journalistin Leyla Zana. Sie sitzt derzeit in Istanbul im Gefängnis. 

Michael Klarmann, ND

Keine Anklage gegen Ex-Gestapochef

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart hat die Ermittlungen gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher Dr. Johannes Thümmler eingestellt. Gegen den einstigen SS-Obersturmbannführer, Oberregierungsrat und Leiter der Gestapo in Katowice ab September 1943,  und Chemnitz werde keine Anklage wegen Mordes erhoben. 
Dies bestätigte der Leiter der Zentralen Stelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, Oberstaatsanwalt Kurt Schrimm.  Thümmler soll als Leiter eines Polizeistandgerichts im NS-Konzentrationslager Auschwitz zwischen 1943 und 1945 an mehr als 1000 Todesurteilen beteiligt gewesen sein.
Er selbst sagte am 
1969 hatte das Landgericht Ellwangen die Eröffnung eines Hauptverfahrens gegen Thümmler  aus Mangel an hinreichendem Tatverdacht  abgelehnt.  Die erhofften neuen Beweise aus Polen und Tschechien hätten sich als unzureichend erwiesen, sagte Schrimm.
Das ist der wohl endgültige Stand der Dinge, und darüber muß sich jeder seine Gedanken machen. Es ist jedem mit wenig Mühe möglich sich diese Frage zu beantworten:

Wer ist Dr. Johannes Thümmler?

Wir schreiben den 02. November 1964, 107. Verhandlungstag im Auschwitz-Prozeß. Als Zeuge einberufen wurde der 58 jährige Angestellte Dr. Johannes Thümmler, ehemaliger SS-Obersturmbannführer, Oberregierungsrat und Leiter der Gestapo in Kattowitz ab September 1943.
 

(Seine Zeugenaussage ist in vollständiger Form nachzulesen:
Der Auschwitz-Prozeß. Eine Dokumentation, Band 1, Seite 353ff.
Autor: Hermann Langbein.
Verlag: Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M 1995
ISBN: 3-7632-4400-X)


Wir zitieren hier in gekürzter Form:

Dr. Thümmler wurde befragt zu seinem Aufgabenfeld. Er gab folgende Antwort:

  • Thümmler: „Von Herbst 1943 bis zu dem Zeitpunkt, als die Russen kamen, war ich Kommandeur der Sicherheitspolizei in Kattowitz. Ich hatte die Aufsicht über die Kriminalpolizei, die Staatspolizei und später auch über den SD (Sicherheitsdienst). Ich führte den Vorsitz bei dem Polizeigericht, das nach dem gesetzlichen Wortlaut ein Standgericht war. Diesen Vorsitz habe ich von meinem Vorgänger Dr. Mildner übernommen. Bei der Sitzung der Polizeigerichte war ich auch im Konzentrationslager Auschwitz. Ich glaube, daß die letzte Sitzung dort etwa im Spätherbst 1944 gewesen sein dürfte.“ (S. 354)
Zum Vorgang der Gerichtssitzungen machte Thümmler folgende Aussagen:
  • Vorsitzender: „Waren bei den Gerichtssitzungen auch Verteidiger anwesend?“ (S. 354)

  •  
  • Thümmler: „Wenn mal einer gewünscht wurde.“ (S. 354)
Thümmler räumte ein, dass dieses selten vorkam. Trat ein Angeklagter mit der Bitte um einen Verteidiger an das Gericht, wurde einer bestellt. Dieser sei dann ein Beamter seiner Dienststelle gewesen. 
  • Thümmler: „Es seien den Gerichtssitzungen immer umfangreiche Vorvernehmungen vorausgegangen. Bei der Sitzung selbst wurde der Angeklagte dazu gehört, ob seine Unterschrift (Resultat der Vorvernehmung – d.Verf.) von ihm anerkannt wird.“ (S. 354)
Ob es verschärfte Vernehmung gegeben habe, davon wisse er nichts. „Die Tatbestände waren auch so klar, daß es keiner verschärften Vernehmung bedurft hätte.“ (S. 354)
  • Thümmler: „Ich habe während meiner ganzen Dienstzeit Wert darauf gelegt, daß keine Gewaltakte vorkommen. Ich kann aber nicht dafür gerade stehen, wenn einer doch mißhandelt hat.“ (S. 355)
In der Regel habe es bei den Gerichtsverfahren keine Zeugen gegeben, vereinzelt wäre es aber vorgekommen. Der Staatsanwalt Vogel fragte den Zeugen Thümmler, ob es nur Todesurteile und KZ-Einweisungen durch das Gericht gegeben habe.
  • Thümmler: „Ja, ein Freispruch war praktisch ausgeschlossen. Zu meiner Zeit gab es ja auch keine Unschuldigen, es wurden nur in absolut klaren Fällen Gerichtsverfahren eingeleitet.“ (S. 355)
Von Blanko-Todesurteile sei ihm (Thümmler) nichts bekannt. Auch sagte er aus, dass die Angeklagten nach dem Schuldspruch nicht sofort erschossen wurden. Er räumte allerdings ein, er habe gehört, dass dies früher so gewesen sei.
  • Vorsitzender: „Ich kann mir nicht vorstellen, daß es so viele freiwillige Geständnisse bei diesem Sondergerichten gegeben hat.“ (S. 356)

  •  
  • Thümmler: „Es handelte sich meistens um junge polnische Nationalisten. Sie wurden mit amerikanischen oder englischen Waffen in der Hand ergriffen“. (S. 356)
Auf die Frage zur Zusammensetzung des Standgerichts gab Thümmler zur Antworten, daß er die Zusammensetzung bestimmte, ebenso den Ankläger und den Verteidiger. Wurde ein Einweisung ins KZ ausgesprochen, so lautet diese „auf unbestimmte Zeit“ (S. 356) In 40% der Fälle wurde eine Einweisung ausgesprochen, in 60% ein Todesurteil. Thümmler räumte ein, dass zu seiner Zeit die Einweisung ins KZ gestiegen, die Todesurteile reduziert worden seien. Einige Hundert Todesurteil habe er aber ausgesprochen, es seien aber keine 900 Fälle gewesen. Die genaue Zahl könne er nicht sagen.

Thümmler konnte nach dieser Aussage unbehelligt den Zeugenstand verlassen. Wegen seiner Tätigkeit in Auschwitz wurde keine Klage erhoben.

Ulrike Kindler, moral-sense

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