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Demonstration
zum Jahrestag des Bombardements von 1991: »Natürlich wurden
wir vereinnahmt. Aber die Ablehnung des Krieges und des Embargos ist mir
so wichtig, dass ich das in Kauf nehme«
Foto:
Brie |
15. Januar, auf dem Flug
nach Amman
Gemeinsam mit acht anderen
Kriegsgegnern aus unterschiedlichen Friedensgruppen fliege ich in den Irak.
Mich treibt keine Sympathie mit dem Regime Saddam Husseins. In der neuen
Ausgabe von »Le Monde diplomatique« (12/02) lese ich gerade
in einem Artikel von David Baran: »Was also ist die Baath-Partei?
Ein riesiges Geflecht aus Überheblichkeit, Heuchelei, Selbstverleugnung
und Furcht. Sie hat es geschafft, Millionen von ›Freiwilligen‹ aufzubieten,
um eine Art gekonnte Parodie der Befreiung Palästinas zu inszenieren.
Aber es dürfte Mühe haben, unter den 20 Millionen Einwohnern
auch nur 10000 zusammenzubringen, die sich der US-Armee wirklich entgegenstellen
wollen.«
Lebhaft kann ich mich erinnern,
wie 1985 oder 1986, als ich wissenschaftlicher Berater der DDR-Delegation
im Genfer Abrüstungsausschuss war, iranische Diplomaten Beweise für
irakische Giftgaseinsätze vorlegten. Ich weiß aber auch noch,
wie beschämend die Ignoranz der sowjetischen Delegation, der USA,
der DDR, der Bundesrepublik war. Rückblickend und insbesondere im
Zusammenhang mit der jetzigen Politik finde ich es noch widerlicher, dass
West und Ost den Einsatz der irakischen chemischen Waffen tolerierten,
solange es gegen den islamistischen Iran (und später gegen die irakischen
Kurdinnen und Kurden) ging. Ich entsinne mich auch noch unserer Diskussionen
um das für uns unbegreifliche Schweigen der SED-Führung, als
Hussein die Führung der irakischen KP hinrichten ließ, zum Teil
im irakischen Fernsehen übertragen. Aber ich hatte schon in den 80er
Jahren erfahren, dass die Geschäfte mit dem reichen Irak für
die DDR-Führung wichtiger waren. In der Flugzeugwerft Dresden wurden
sowohl irakische als auch iranische MiGs überholt. Dass Krupp im Ersten
Weltkrieg auf beiden Seiten verdient hatte, stand in unseren Schulbüchern.
Dass die DDR genauso agierte, war längst ein offenes Geheimnis. Solange
man im Irak verdienen konnte und er seine Rolle in der westlichen und östlichen
Strategie spielte, hat die Diktatur die Verantwortlichen in Washington
und Moskau nicht gestört. Sie haben sie im Gegenteil unterstützt
und aufgerüstet. Hussein ist wesentlich ein Produkt westlicher Politik
und in nicht weniger Hinsicht ihr Spiegelbild.
Ein Krieg jedoch gegen den
Irak (und es wird ja in Wirklichkeit ein Krieg gegen die Menschen sein)
ist durch nichts gerechtfertigt. Er muss verhindert werden. Diese Reise
wird für Außenstehende ein Ausdruck von Hilflosigkeit sein.
Ich kann mich dieses Gefühls selbst nicht ganz erwehren. Ich will
etwas tun, ich will authentischer urteilen können. In der gestrigen
Ausgabe der »Financial Times Deutschland« hat mir der Vorsitzende
des Auswärtigen Ausschusses, Elmar Brok (CDU), vorgeworfen, meine
Reise diene propagandistischen Zwecken. Attacken aus dieser Richtung sind
normal und hoffentlich verdient, über die Art und Weise bin ich aber
noch immer aufgebracht. Zum einen habe ich im Europäischen Parlament
nie ein Hehl aus meiner Ablehnung des irakischen Regimes gemacht, zum anderen
ist es meine dutzendfache Erfahrung, dass eigenes Sehen, Erleben, Hören
vor Ort unerlässlich ist, um genauer urteilen zu können. Ich
möchte nicht auf die offiziellen Standpunkte angewiesen sein, egal
ob aus dem Irak oder aus Washington, ich möchte mit Betroffenen reden,
mit Hilfsorganisationen, mit »einfachen« Menschen. Mein Bild
und mein Einschätzungsvermögen werden auch danach noch oberflächlich
sein, aber erstens wird mir das auch bewusst werden, zweitens aber werden
sie hundertmal genauer und zuverlässiger sein als zuvor. Allerdings
in einer Hinsicht gebe ich Brok Recht: Propaganda gegen das Embargo und
gegen den Krieg, gegen die Verlogenheit der US-Politik und das Versagen
der EU will ich gern unterstützen. Die Wahrheit, das Völkerrecht,
die UNO, weniger aggressive und offensive Sicherheitskonzepte wurden schon
lange vor dem ersten Bombenabwurf zerbombt.
Bagdad, 17. Januar, früh
Übernachtet haben wir
am Mittwoch in Amman. Der Flug nach Bagdad ging gestern erst um 16 Uhr.
So blieb Zeit für einen kurzen Trip in die 35 Kilometer vom Flugplatz
entfernte Stadt. Es regnete zunächst. Ein Segen für dieses karge,
meist so trockene Land. Der rotbraune Boden ist steinig. Kiefern, Zypressen,
Eukalyptusbäume, einige Palmen in Höfen und Hügel aus Kalkstein
prägen die Landschaft entlang der Straße. Immer wieder ist dem
Boden ein kleiner Acker abgerungen. Ansonsten ist diese Gegend völlig
zersiedelt. Amman ist gesichtslos und hässlich. Aber es ist schön,
am alten römischen Amphitheater in einem Café (bei arabischem
Tee – schwarzer Tee mit frischen Pfefferminzblättern) zu sitzen und
den grauen deutschen Winter zu vergessen. Und der Gesichtslosigkeit einer
modernen arabischen Stadt stehen die ausdrucksvollen Gesichter der Menschen
gegenüber. Viele Männer und Frauen in traditioneller Kleidung,
einige Frauen auch völlig verschleiert, so dass nicht einmal ein Sehschlitz
erkennbar ist. Aber die meisten haben das Gesicht frei. Das Marktleben
in den Gassen ist so lärmend, bunt, betörend in den Farben, Tönen
und Gerüchen, dass die triste Umgebung dahinter verschwindet. Übertönt
wird alles gelegentlich von den plärrenden Lautsprechern der Moscheen,
über die die Geistlichen zum Gebet rufen.
Der Flug nach Bagdad war
problemlos, obwohl das Embargo gegen den Irak auch alle Flugverbindungen
umfasst. Die Royal Jordanien verschweigt diese Linie allerdings auch in
ihrem Bordjournal. Die Abfertigung, die Grenz-, Zoll- und Sicherheitskontrollen
sind chaotisch und nervend, aber ebenso oberflächlich. Das Gleiche
dann in Bagdad, obwohl auf dem Flughafen seit 1991 kaum noch Maschinen
ankommen. Ein Unterschied, auf den ich jedoch vorbereitet war und der ein
Schlaglicht auf die Situation des Irak wirft. Vertrauend auf meinen Diplomatenpass,
hatte ich meine Reisetasche für die Medikamente zur Verfügung
gestellt, die wir für ein Kinderkrankenhaus in Basra ins Land bringen
wollten – am Embargo und am irakischen Zoll gleichermaßen vorbei.
Zusätzlich hatte ich einer Ärztin angeboten, auch ihren Koffer
voller Medikamente durchzubringen. Es gibt ja nicht nur dieses furchtbare
Embargo der UNO, dem auch viele Arzneimittel unterliegen, sondern auch
das Regime, das mit der Kontrolle über die verbleibenden Mittel seine
Herrschaft organisiert, abgesehen von der Korruptheit der Zöllner
und Grenzpolizisten. Genau die bekam ich nun zu spüren. Ich hielt
meinen Diplomatenpass demonstrativ in der Hand, hoffend, dass der Zöllner
sich davon beeindrucken ließe. Aber das war nicht der Fall. Er kontrollierte
flüchtig meine Reisetasche. Die Medikamente entdeckte er nicht, nahm
sich dann aber den Koffer vor. Ich blieb nach außen cool, innerlich
sah es anders aus. Zum Schmuggeln bin ich eigentlich nicht geeignet. Ich
überlegte schon fieberhaft, was ich sagen sollte. Da stellten sich
drei Uniformierte eng um mich, einer flüsterte etwas. Ich verstand
nicht sofort, was er wollte. Er wurde drängender: »Backschisch,
do you have backschisch money?« Ja, das hatte ich, sogar griffbereit
in der Hosentasche. Ich holte zwanzig Dollar heraus, die Drei stellten
sich noch dichter an mich, so dass niemand zusehen konnte, und griffen
zufrieden nach dem Geld. Meine Zufriedenheit, mit dem Koffer unkontrolliert
passieren zu können, war mindestens genauso groß. Das Regime
ist korrupt, teilweise zwingt es seine schlecht bezahlten Staatsdiener
faktisch dazu und lässt sie in den meisten Fällen gewähren.
Aber es dürfte auch klar sein, dass eine solche Staatsmacht keinen
wirklichen Widerstand leisten wird, wenn der Umsturz von außen oder
innen kommt. Innerhalb einer so totalen Organisation der Macht sind es
die unübersehbaren Zeichen der Auflösung. Uns kam es zugute.
17. Januar, nachmittags
Wir sitzen im Fanafal-Hotel
und warten auf Menschen aus internationalen Hilfsorganisationen, um von
ihren Erfahrungen zu hören. Ich bestelle mir »irakischen Tee«,
der sich als ein kleines Glas mit sehr starkem schwarzen Tee und einer
großen Portion Zucker erweist. Für den nächsten Morgen
habe ich mir eine Fahrt »mit« den UN-Inspektoren organisiert,
das heißt, die Jagd mit einem gemieteten Auto und Fahrer dem Inspektorenteam
hinterher.
Der Tag heute war interessant,
obwohl wir von unseren exzessiven Programmwünschen noch nichts realisieren
konnten. Der irakische Betreuer ist offenkundig kaum interessiert bzw.
angewiesen, uns aktiv zu unterstützen. Aber eigene Organisation ist
letztlich selbst hier im Irak, in einem Land, das wir so wenig kennen,
möglich. So sind wir in die Altstadt gegangen, heute ist Freitag,
also Feiertag, aber die Märkte und Basare sind offen und voller Trubel.
Kaum vorstellbar, dass es an Werktagen noch mehr sein soll. An diesem wie
an jedem Freitag sind hier Hunderte Stände und Auslagen direkt auf
der Straße mit Büchern und Zeitschriften, und Tausende Menschen
gucken, lesen, wühlen, kaufen. Die arabischen Titel kann ich nicht
lesen, aber es liegt alles Mögliche dazwischen auf Russisch, Tschechisch,
Englisch, Französisch, Deutsch. Ein Iraker spricht mich an, stellt
sich als Universitätsprofessor vor. Er ist Chemiker und seit 1991
von der internationalen Diskussion und den aktuellen Publikationen abgeschnitten.
Hier finde er gelegentlich ein geschmuggeltes Buch, eine Fachzeitschrift
oder Kopien davon. Aus Deutschland, wiederholt er meine Antwort auf die
Frage, woher ich komme, das ist gut. Deutschland habe eine positive Haltung
in der Irakfrage. Mein Anliegen, mit der Reise etwas gegen Krieg und Sanktionen
zu bewirken, findet er gut, aber illusorisch.
Das war das Schöne,
Wichtige an diesen Stunden auf Bagdader Straßen: Gespräche mit
Menschen, die neugierig auf den Europäer zukamen, an den Teeständen,
in den Imbissstuben, im Al Mutandi Café. Ein Student, ebenfalls
Chemie, der bis zu seinem dritten Lebensjahr in Deutschland aufgewachsen
war, erzählte, dass er seine Jahresarbeit zwei Mal an die Universität
Bonn geschickt habe. Eine Antwort bekam er nicht; seine Hoffnung in Deutschland
weiter studieren zu können, dürfte unrealisierbar sein. Ein Filmstudent
nannte unseren Besuch sympathisch und sinnlos. Der Krieg sei schlimm, aber
man könne ihn nicht verhindern. Unsere Zuversicht (haben wir die überhaupt?)
sei dumm, unser Engagement würde nichts ändern.
Egal, wo und wen ich fotografierte,
auch Frauen, niemand sträubte sich, sie freuten sich sogar, versuchten
zu fragen und zu erzählen, und wenn ich ihnen das digitale Foto auf
dem Display zeigte, waren sie begeistert und vor allem stolz. Am meisten
die Kinder, die dann sofort ein Dutzend Freunde heranriefen, die ebenfalls
fotografiert werden wollten, werden mussten. Als ich auf dem Markt vor
der Moschee einen Jungen mit seinen Schafen ablichtete, musste ich auf
Wunsch der ganzen Familie das patriarchale Oberhaupt fotografieren, das
unbedingt auch den größten Hammel seiner Herde mit aufs Bild
haben wollte. Glücklicherweise werde ich ja alle Fotos, die ich nicht
benötige oder die nicht gut geworden sind, löschen können.
Mehrfach musste ich an Broks
Äußerung in der Financial Times denken (obwohl ich weiß,
dass ich die Arroganz dieses Mannes ignorieren sollte). Nichts davon, was
ich an diesem Tag bereits erlebt habe, wird er je erleben. Er macht Politik
aus dem Sessel eines Diplomaten und Parlamentariers, aus Büros und
vorbereitet von Mitarbeiterstäben und Sekretariaten. Irakerinnen und
Iraker in schmutzigen, stinkenden, überlaufenen Gassen, Gespräche
mit den »Objekten« der Politik wird er nicht haben und nicht
den Geschmack einer warmen Falafel kennen lernen, die der Wirt einer Imbissstube
dem Europäer schenkt, das wunderbar offene Lachen der Jungen und Mädchen
wird er nicht hören, ihre schönen tiefbraunen oder schwarzen
Augen nicht sehen. Viele von ihnen betteln, selbstbewusst und gewitzt,
wie es das Betteln wohl lehren kann. Andere verkaufen Fladen, Kuchen, Obst.
Im Bericht einer anderen Friedensgruppe las ich, dass einer der Teilnehmer
nach zwei Tagen sechs Bettler gezählt hatte. Ich wurde in meiner ersten
Stunde auf Bagdader Straßen von mindestens 15 bettelnden Frauen und
Kindern angesprochen. Ich war in den meisten Fällen nicht fähig,
Nein zu sagen und schämte mich, wenn ich so tat, als würde ich
die Bitten nicht bemerken. Es tut weh, am meisten die Hilfslosigkeit und
das Gefühl, auch durch Hilfe und Geld an der Demütigung von Menschen
beteiligt zu sein.
Was kann ich über Bagdad
festhalten? Man sieht der Stadt das Embargo an, obwohl Bagdad – verglichen
mit dem Süden des Landes – noch relativ gut dran sein soll. Auch in
den Villenvierteln ist zwölf Jahre kaum renoviert worden. Die Autos
auf den Straßen sind zahlreich, aber zum größten Teil
in erbärmlichem Zustand. Der Mittelstand wird wohl die größten
Verluste haben. Die Armen und Ärmsten jedoch haben vom Wenigen noch
weniger. Chlor steht auf der Embargoliste, da es Ausgangspunkt für
C-Waffen sein kann. Die Wasseraufbereitung ist ohne Chlor zu einem der
schlimmsten Probleme für Millionen Menschen geworden, mit entsetzlichen
gesundheitlichen Auswirkungen. Krankheiten und Kindersterblichkeit haben
enorm zugenommen, und Nitroglycerin-Tabletten, die für die Soforthilfe
bei Angina Pectoris notwendig sind, stehen auf der Embargoliste. Nach WHO-Angaben
haben die Sanktionen bislang 1,5 Millionen Kinder das Leben gekostet. Bleistifte
stehen wegen des Grafits, das man angeblich für die Kernwaffenproduktion
benötigt, ebenfalls auf der Verbotsliste. Im Basar sind sie zu haben,
alte Bestände oder geschmuggelt, aber viele Familien können sie
sich nicht leisten. Es gibt fast alles in den Geschäften, die modernsten
und luxuriösesten Dinge ausgenommen, die aber auch zu haben sein sollen.
Doch die meisten Menschen sind verarmt. Der Irak war einmal relativ wohlhabend,
hatte ein vergleichsweise gut entwickeltes und soziales Gesundheits- und
Bildungssystem. Davon ist im vergangenen Jahrzehnt viel zerstört worden.
Ein schwedischer Mitarbeiter der Hilfsorganisation sagte mir gestern Abend,
es sei eine Schande und ein Verbrechen, was der Westen dem irakischen Volk
angetan habe.
In der gestrigen Nacht,
wenige Stunden nach unserer Ankunft, wurden wir auch zu einer Demonstration
von einigen hundert Menschen zum Jahrestag des Bombardements von 1991 gebeten.
Sie begann um Mitternacht, also genau zu Beginn jenes Tages vor zwölf
Jahren. Neben irakischen Jugendlichen, die von einem Mann mit Megaphon
und einem Dutzend Verantwortlichen eher mühevoll zum Demonstrationszug
organisiert wurden, gingen Friedensinitiativen aus Belgien, Italien, Japan,
den USA und Deutschland mit. Ich hatte dennoch ein unangenehmes Gefühl.
Natürlich wurden wir vereinnahmt. Das ist ein Problem, jedoch nicht
das primäre. Die Ablehnung des Krieges und des Embargos ist mir so
wichtig, dass ich das in Kauf nehme. Ich will mich gegen den Krieg, gegen
die Sanktionen äußern, ich will, dass Menschen im Irak erfahren,
dass viele in Europa und in den USA diese Politik ablehnen. Niemand von
uns kann viel tun, aber niemand kann nichts tun. Viele der jungen Demonstranten,
es waren ausschließlich Männer, waren viel spontaner, als es
die Offiziellen tolerieren wollten. Sie wollten zu uns Ausländern
kommen, reden, fragen, Zigaretten schlauchen, gemeinsam mit uns singen
oder mit uns fotografiert werden. Immer wieder wurden sie barsch zurückbefohlen.
Die kollektiven Rufe gegen Bush und Scharon waren verbal aggressiv (»Bush
– Scharon – Mörder!«), soweit ich mitbekam, wurden vor dem UNDP-Quartier
auch eine US- und eine Israel-Fahne verbrannt. Aber die Demonstranten waren
eher fröhlich oder gleichgültig. Von Hass oder Zorn war wenig
zu spüren. Wir Deutschen versuchten, zum Teil von den Demonstranten
aufgegriffen, eine kulturvollere Losung entgegenzusetzen: »No war,
peace now!« Später zerrte ein Polizeioffizier einen Jungen aus
der Demonstration und zwang ihn brutal in den Polizeiwagen. Eine auf Englisch
gestellte Frage, warum, beantwortete er arabisch und ignorierte mich dann.
Vor wenigen Wochen hat die Regierung ein Wahlergebnis für Saddam Hussein
von 100 Prozent bekannt gegeben. Der Anspruch des Regimes, das Land, die
Menschen zu kontrollieren, mag total sein. Die Realität, die ich in
den ersten Stunden im Irak erlebe, deutet jedoch darauf hin, dass dieser
Anspruch längst nicht mehr durchgesetzt werden kann, außer als
Resignation, Gleichgültigkeit, korrumpierte Teilnahme.
17. Januar, 21.30 Uhr
Wieder im Hotel. Der Tag
hat mich doch ein wenig geschlaucht. Bagdad wirkt friedlich. Nichts ist
vom Militär zu sehen, selbst Uniformen und Polizei habe ich fast überall
auf der Welt häufiger erblickt. Das Leben scheint so normal zu sein.
Die Menschen haben sich nach zwölf Jahren mit den Folgen der Blockade
eingerichtet. Was habe ich gedacht, vorher? Ich habe selbst im palästinensischen
Dschenin im letzten Sommer volle Geschäfte gesehen, unmittelbar nach
Abzug der israelischen Armee. Nein, ich hatte mir bewusst vorher nichts
ausgemalt von einem Land und einer Situation, die ich gar nicht kennen
konnte. Doch das Ausmaß der Friedlichkeit, der Normalität, der
Fröhlichkeit, Offenheit der Menschen überrascht und verwirrt
mich. Mich treibt – die ohne Frage reale – Dramatik der politischen Entwicklung,
eines nahen und extrem bedrohlichen Krieges, aber die am meisten Betroffenen
haben sich damit offensichtlich nicht nur abgefunden, sondern leben damit.
Mit Not, mit Gewöhnung, mit Lachen, mit Familienglück. Das ist
menschlich, und es ändert nichts daran, diesen Krieg verhindern, das
Embargo (außer für Waffen) beenden zu müssen. Im Gegenteil:
Einen Tag dieses Straßenleben beobachtet, zwei Dutzend Menschen getroffen
und gesprochen, diese zauberhaften Kindergesichter gesehen zu haben in
dieser armen Normalität, mich stachelt es noch mehr an. So ist mir
heute Abend zumute. Früh will ich den Inspektoren hinterher. Hoffentlich
klappt alles.
18. Januar, morgens
Der Tag kann lang werden.
Niemand weiß, wohin die Inspektion heute gehen wird. Ab sieben Uhr
habe ich mit einer irischen Journalistin vor dem UNMOVIC-Quartier gewartet.
Wir sind beide unerfahren in dem Spiel, das uns heute bevorsteht. Wir sind
die Ersten und bis halb acht auch die Einzigen. Dann kommt ein ganzer Tross
von Kamerateams und Journalisten, kurz vor acht auch ein Bus mit Anti-UNMOVIC-Demonstranten.
Die Inspektoren starten erst kurz vor halb neun. Die Jagd beginnt. Die
Inspektoren jagen ihr uns unbekanntes Ziel. Unbekannt, was Ort, Einrichtung,
Produktion, Forschung oder Lagerung betrifft, ansonsten durchaus bekannt:
einen Kriegsgrund zu finden oder zu fabrizieren bzw. auch, ihn auszuräumen.
UNMOVIC ist Instrument für krass entgegengesetzte Ambitionen. Die
Journalisten jagen die Inspektoren, jeder jagt um den besten Platz. Wir
mittendrin. Zum ersten Mal erlebe ich ein Autorennen, noch dazu mitten
im normalen und ziemlich dichten Fahrzeugverkehr, und zum ersten Mal bin
ich selbst Teilnehmer. Es ist immerhin ein Pulk von vielleicht einem halben
hundert Autos, der der UNMOVIC-Kolonne hinterherrast. Unser Fahrer hält
gut mit. BBC haben wir schon mehrmals überholt. Die Fahrt geht zur
Zeit nach Süden. Die Vororte Bagdads sind trist, graubraun, öde,
schmutzig. Dann geht es westlich über schmale Straßen, vorbei
an einer Militäreinrichtung, Eukalyptusbäumen, kleinen Gemüsefeldern,
ärmlichen, von Lehmmauern umgebenen Bauernhöfen, winzigen Moscheen,
Dattelgärten, kleinen Herden von Schafen, Ziegen, gelegentlich ein
paar Kühen. Der Boden ist fruchtbar, unter Folie wächst das neue
Gemüse heran, Kohl steht erntebereit. Das Land ist flach bis zum Horizont.
Bewässerungskanäle ziehen sich schnurgerade durch die Felder.
Es sind Frauen und Kinder, die Kühe auf die Weide treiben.
9.30 Uhr
Nach weiteren 30 Minuten
wieder eine militärisch bewachte Einrichtung. Das ist das Ziel. Wir
erfahren: ein Rüstungsunternehmen, das Sprengstoff, Bomben und andere
Waffen produziert. Es ist die 13. Inspektion. Ein weitläufiges Gelände.
Vom Eingangstor aus ist nicht viel zu sehen, ein paar flache Gebäude,
ein halbfertiger Bunker, einige Baracken. Ein Händler ist uns hinterhergerast,
er bietet den Journalisten Nüsse, Schokolade, Saft an. Aber sie sind
selbst gut gerüstet, haben gleich nach der Ankunft ihre Thermoskannen
und Frühstückspakete ausgepackt. Vom Tor aus ist von UNMOVIC
nichts zu sehen. Soweit ich es beurteilen kann, könnte hier während
der Inspektion jeder passieren, auch Lkw mit Ladung. Nur die irakische
Wache kontrolliert die Papiere. Ich will nicht auf uneffektive Kontrollen
schließen. Mir scheint eher, dass nach zwölf Jahren Embargo,
nach den Zerstörungen von 1991 und 1998 und den intensiven Inspektionen
die Möglichkeiten des Irak ohnehin gering sind, bedeutsame Rüstungen
geheim zu halten.
Ich gehe zu dem Händler,
möchte ihm eine Tüte Erdnüsse abkaufen. Er weigert sich,
Geld zu nehmen. Wieder frage ich mich, was diese Geste mir, einem Europäer
gegenüber bedeutet. Denn eigentlich müsste in diesem armen Land
doch jeder froh über einen noch so geringen Verdienst sein. Ich werte
es als Geste zugunsten der europäischen Journalisten, in die Hoffnung
gesetzt wird, mit ihren Berichten den Krieg abzuwenden. Dann werde ich
in die Wache eingeladen, Tee trinken. Ich rede mit dem irakischen Pressebegleiter
über das Europäische Parlament und die Haltung Deutschlands,
Frankreichs, Großbritanniens zum Krieg. Er ist gut informiert, urteilt
genau und differenziert. Er fragt mich, ob ich glaube, dass der Krieg kommen
werde. Ich sage, dass die USA ihn unbedingt wollten, aber die Chancen,
ihn zu verhindern, gestiegen seien, auch durch die irakische Kooperation
mit der UNO und mit UNMOVIC. Er antwortet mir, die Chancen stünden
50 zu 50. Er ist der erste Optimist, den ich getroffen habe.
14 Uhr
Nun warten wir schon mehr
als vier Stunden. Die Inspektoren sind immer noch auf dem Gelände.
Dass sie ihre Aufgabe nicht ernst nehmen, wird man – es ist die 13. Inspektion
allein hier – wohl nicht behaupten können. Dieses Unternehmen muss
besonders wichtig sein. Gern hätte ich etwas von ihrer Arbeit mitbekommen,
um die Effektivität und die Art und Weise der Kontrollen besser beurteilen
zu können, aber UNMOVIC lehnt jede Begleitung ab. So unterhalte ich
mich mit jedem vor dem Tor, der Englisch kann (leider wenige), und leide
mit den Kameraleuten und Journalisten, die sich langweilen müssen.
Einer der Kameraleute, er ist aus Ägypten, trägt ein Schild »No
war on Iraq«. Zeit gewinnen, sagt er, die einzige Chance. Mit jedem
Monat werde es für die USA schwieriger, den Krieg zu rechtfertigen
und zu führen. Nun ist es gleich halb drei. Der Schichtwechsel in
der Fabrik ist in vollem Gange. Hunderte Frauen und Männer verlassen
das Gelände, Hunderte andere kommen. Ich frage mich, ob sich der ganze
Aufwand dieser Irak-Reise lohnt. Aber ich weiß jetzt schon viel mehr
als zuvor, vor allem ich weiß es anders, mit authentischen Bildern
und Stimmen, mit größerer Genauigkeit und aus einer ganz anderen
Perspektive, nicht der von außen.
UNMOVIC das Gelände
verlassen. Wir dürfen in das Unternehmen hinein. Ein Verantwortlicher
des Konzerns erzählt noch einmal, dass das die 13. Kontrolle war,
diesmal mit 32 Inspektoren, 12 Fahrzeugen. Alle Teile des Unternehmens
seien kontrolliert worden, alle Lager, die gesamte Produktion, sechs Proben
entnommen. Teilweise habe sich UNMOVIC provokativ verhalten, sei mit Tempo
140 über die schmalen und schlechten Straßen des Geländes
gejagt. Die Qaqa-Company produziere Sprengstoff und Geschosse. Wir fahren
etwa zwei Kilometer. Wir sehen eine stinkende Produktionsstätte, aus
deren Schornsteinen gelber und schwarzer Rauch steigt. Riesige Flächen
sind 1991 und 1998 bombardiert und dem Erdboden gleich gemacht worden.
An einem Lager mit leeren Bomben und verschrotteten Raketen halten und
fotografieren wir. Hunderte Geschosse, Raketenteile, viele Chemikalien
sind hier gelagert. Hauptsächlich für Sprengstoffe und Zünder.
Kilometerweit ziehen sich zerstörte und einige intakte Bunker. Ansonsten:
Trümmer, Trümmer, Trümmer – so darf Abrüstung nicht
aussehen.
15.15 Uhr, Rückfahrt
Zurück fahren wir gemächlicher.
Auf der morgendlichen Jagd hatte ich nur einen flüchtigen Blick für
die Landschaft gehabt. Jetzt sehe ich, dass viele Böden salzig und
wüst sind, dazwischen aber grüne Felder und Palmen. Wie wir uns
Bagdad nähern, werden die Bauernhöfe weniger elend, teilweise
sogar etwas wohlhabender, aber dafür liegt mehr Müll an den Straßen.
Vorbei geht es an einem Kraftwerk, zwei der Schornsteine rauchen. 1991
war es ebenfalls zerstört worden. Falls es zum Krieg kommt, wird es
wohl sofort wieder bombardiert werden, obwohl keine Armee der Welt, aber
jede Zivilbevölkerung auf Kraftwerke angewiesen ist.
19. Januar, 10 Uhr, Basra,
Kinderkrankenhaus
Wir sind früh aus dem
verregneten Bagdad abgeflogen. Hier in Basra scheint die Sonne warm. Vom
Flugplatz ging es durch die Sand- und Salzwüste, vorbei an 50 oder
mehr zerschossenen Panzern und SPWs, in der Ferne Ölfelder und eine
Raffinerie. Basra ist eine ärmliche Stadt. Die meisten Häuser
im traditionellen Stil sind von einer Mauer aus Lehm oder aus Ziegeln umgeben,
ein, zwei Stock hoch, gelegentlich dreistöckige, primitive und entsetzlich
hässliche Plattenbauten, viele Nebenstraßen unbefestigt und
voller Unrat. Die zahllosen Saddam Hussein-Bilder, die auch in Bagdad häufiger
zu sehen sind als Mao-Bilder im China des Personenkults, sind auch hier
der Umgebung angepasst: Saddam trägt das Palästinensertuch auf
dem Kopf und eine Sonnenbrille vor den Augen. Ein andermal die Kleidung
der Nomaden.
Das Kinderkrankenhaus hat
340 Betten, je zur Hälfte ungefähr für schwer erkrankte
Kinder und für Geburtserkrankungen. Es wird auch für die Ausbildung
von Schwestern genutzt. Dr. Abd Al Kareem H. Subber, Chefarzt, erzählt
uns, dass die Versorgung mit Medikamenten besser geworden sei, aber immer
noch knapp, vor allem nicht planbar, so dass oft innerhalb der Behandlung
die Medikamentierung geändert werden müsse, sehr problematisch
bei Antibiotika. Die komplexe Medikamentierung bei Krebsbehandlung sei
in fast keinem Fall möglich. Moderne Arzneien seien ohnehin nicht
erhältlich, und die Ergebnisse moderner medizinischer Forschung, einschließlich
von Fachzeitschriften und Büchern, unterlägen dem Embargo. Alle
Geräte in der Klinik sind veraltet. Nach 1991, als Folge des Einsatzes
von angereicherter Uranmunition und der Umweltkatastrophen des Krieges
sind die Krebserkrankungen in Südirak auf das Drei- bis Fünffache
gestiegen und treten vor allem im frühen Lebensalter, oft schon bei
25-Jährigen auf. Am schlimmsten sei die Zunahme bei Kindern. Strahlenbehandlung
bei Krebskranken ist nur noch in Bagdad möglich. Die Mortalität
von Babys vor, bei Geburt und in den ersten Tagen ist in diesem Krankenhaus
heute drei Mal so hoch wie vor 1991. Der Chefarzt zeigt uns, auf unsere
Bitte hin, Fotoalben mit Dutzenden schwersterkrankten und schwerstmissgebildeten
Kindern. Der Anblick ist unerträglich, das Ausmaß ist schrecklich.
Angelika, die selbst Ärztin ist, meint, dass solche Missbildungen
absolut ungewöhnlich seien. Man mag vielleicht Zweifel haben, ob angereichertes
Uran in den Antipanzerwaffen der US-Truppen die Ursache ist, aber dass
diese enormen Häufungen nicht untersucht werden, dass WHO, UNO, andere
internationale Organisationen sich weigern, sie auch nur zur Kenntnis zu
nehmen, ist in meinem Augen ein Verbrechen. Viele Frauen in dieser Region,
so höre ich, wollen nicht mehr schwanger werden, weil sie Angst haben.
Wir besichtigen das Krankenhaus.
Es wirkt freundlich und vergleichsweise sauber. Viele Männer und Frauen
warten mit ihren Kindern auf die Behandlung. Schwangere kommen mit der
ganzen Familie. Dr. Abd Al Kareem weist uns auf ein Mädchen hin, das
uns mit ihrer Mutter entgegenkommt. Neun Jahre, Leukämie. Medikamente
und Blutkonserven für die Behandlung sind Mangelware. Fünf Meter
weiter fragt er auf dem Gang einen Vater, was dessen Tochter fehle. Leukämie.
Die Kleine ist sechs Jahre alt. Die Familie wohnt 60 Kilometer nördlich
von Basra in einem ländlichen Gebiet, in dem es 1991 heftige Bombardierungen
und Kämpfe gegeben hat, erzählt der Vater. Überall würden
die Reste von Geschossen liegen. Uns sagt er, wir sollten alles tun, damit
es keinen neuen Krieg gibt. In einem Krankenzimmer sehen wir zwei Kinder
mit Herzmissbildungen in einem Bett. Die notwendigen Herzoperationen sind
in Basra nicht möglich, nur in Bagdad. Früher war die Behandlung
kostenlos, jetzt müssen die Familien die Medikamente und Operationen
bezahlen. In einem anderen Krankenzimmer sprechen wir mit vier Frauen,
deren Kinder hier liegen. Sie sagen uns für unseren Besuch »Schükram«,
danke. Wir fühlen uns hilflos. Fünf Schwestern kommen herein,
erzählen, allein heute seien drei Kinder mit Leukämiediagnose
eingeliefert worden. An einem einzigen Tag. Wir fragen nach. Eine Ärztin
antwortet, dass sie vor dem Krieg in zwei Jahren einen einzigen Fall erlebt
habe. Mehr als zehn Prozent der aufgenommenen Kinder in diesem Krankenhaus
haben Krebs, sechs davon Leukämie. Das dürfte es in keinem anderen
Krankenhaus der Welt geben. Der Chefarzt sagt uns zum Schluss, als wir
ihm für die Führung danken: »Danken Sie nicht. Don't thank,
see the problem. Am meisten brauchen wir Ihre ehrlichen Gefühle. Und
wir benötigen Medikamente, Geräte, Fachzeitschriften, aktuelle
medizinische und pharmazeutische Bücher.«
Wir fahren durchs alte Basra.
Wir werden die Erschütterung nicht los. Mir sitzt ein riesiger Kloß
tief im Hals. Angelika und Gabriele weinen. Die meisten Kinder in diesem
Krankenhaus könnten geheilt werden, die Krebsrate ist beispiellos,
nur durch die giftigen Folgen des Krieges erklärbar, vielleicht durch
die Radioaktivität, bestimmt durch das komplexe Zusammentreffen der
Gifte. Die Mütter sitzen neben ihren sterbenden Kindern und sind so
freundlich, so offen zu uns. Man kann es nicht aushalten. Angelika sagt,
jeder normal denkende Mensch würde die Situation in Basra, im Kampfgebiet
des Südens untersuchen. Aber Politik denkt nicht normal. Nicht menschlich.
Elmar Brok, fahren Sie in dieses Krankenhaus. Nehmen Sie sich Zeit für
die Mütter, Kinder, Ärzte, Schwestern. Vielleicht machen Sie
dann weniger kalte Politik. Ich nehme mir vor, das letzte Mal an Broks
Interview gedacht zu haben.
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Die
eine Wahrheit: Raketenteile in der Qaqa-Companie.
Die andere Wahrheit:
Nach 1991 sind die Krebserkrankungen in Süd-Irak auf das Drei- bis
Fünffache gestiegen. Dieses sechsjährige Mädchen hat Leukämie.
Foto: A. Brie |
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