"Reisenotizen aus Irak"
André Brie - Reisenotizen aus Irak
 
André Brie, Europaabgeordneter der PDS, weilte vom 15. bis 20. Januar 2003 in Irak. Wir veröffentlichen Auszüge aus seinem Tagebuch. 
 
Demonstration zum Jahrestag des Bombardements von 1991: »Natürlich wurden wir vereinnahmt. Aber die Ablehnung des Krieges und des Embargos ist mir so wichtig, dass ich das in Kauf nehme«
Foto: Brie 

15. Januar, auf dem Flug nach Amman 

Gemeinsam mit acht anderen Kriegsgegnern aus unterschiedlichen Friedensgruppen fliege ich in den Irak. Mich treibt keine Sympathie mit dem Regime Saddam Husseins. In der neuen Ausgabe von »Le Monde diplomatique« (12/02) lese ich gerade in einem Artikel von David Baran: »Was also ist die Baath-Partei? Ein riesiges Geflecht aus Überheblichkeit, Heuchelei, Selbstverleugnung und Furcht. Sie hat es geschafft, Millionen von ›Freiwilligen‹ aufzubieten, um eine Art gekonnte Parodie der Befreiung Palästinas zu inszenieren. Aber es dürfte Mühe haben, unter den 20 Millionen Einwohnern auch nur 10000 zusammenzubringen, die sich der US-Armee wirklich entgegenstellen wollen.« 
Lebhaft kann ich mich erinnern, wie 1985 oder 1986, als ich wissenschaftlicher Berater der DDR-Delegation im Genfer Abrüstungsausschuss war, iranische Diplomaten Beweise für irakische Giftgaseinsätze vorlegten. Ich weiß aber auch noch, wie beschämend die Ignoranz der sowjetischen Delegation, der USA, der DDR, der Bundesrepublik war. Rückblickend und insbesondere im Zusammenhang mit der jetzigen Politik finde ich es noch widerlicher, dass West und Ost den Einsatz der irakischen chemischen Waffen tolerierten, solange es gegen den islamistischen Iran (und später gegen die irakischen Kurdinnen und Kurden) ging. Ich entsinne mich auch noch unserer Diskussionen um das für uns unbegreifliche Schweigen der SED-Führung, als Hussein die Führung der irakischen KP hinrichten ließ, zum Teil im irakischen Fernsehen übertragen. Aber ich hatte schon in den 80er Jahren erfahren, dass die Geschäfte mit dem reichen Irak für die DDR-Führung wichtiger waren. In der Flugzeugwerft Dresden wurden sowohl irakische als auch iranische MiGs überholt. Dass Krupp im Ersten Weltkrieg auf beiden Seiten verdient hatte, stand in unseren Schulbüchern. Dass die DDR genauso agierte, war längst ein offenes Geheimnis. Solange man im Irak verdienen konnte und er seine Rolle in der westlichen und östlichen Strategie spielte, hat die Diktatur die Verantwortlichen in Washington und Moskau nicht gestört. Sie haben sie im Gegenteil unterstützt und aufgerüstet. Hussein ist wesentlich ein Produkt westlicher Politik und in nicht weniger Hinsicht ihr Spiegelbild. 
Ein Krieg jedoch gegen den Irak (und es wird ja in Wirklichkeit ein Krieg gegen die Menschen sein) ist durch nichts gerechtfertigt. Er muss verhindert werden. Diese Reise wird für Außenstehende ein Ausdruck von Hilflosigkeit sein. Ich kann mich dieses Gefühls selbst nicht ganz erwehren. Ich will etwas tun, ich will authentischer urteilen können. In der gestrigen Ausgabe der »Financial Times Deutschland« hat mir der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Elmar Brok (CDU), vorgeworfen, meine Reise diene propagandistischen Zwecken. Attacken aus dieser Richtung sind normal und hoffentlich verdient, über die Art und Weise bin ich aber noch immer aufgebracht. Zum einen habe ich im Europäischen Parlament nie ein Hehl aus meiner Ablehnung des irakischen Regimes gemacht, zum anderen ist es meine dutzendfache Erfahrung, dass eigenes Sehen, Erleben, Hören vor Ort unerlässlich ist, um genauer urteilen zu können. Ich möchte nicht auf die offiziellen Standpunkte angewiesen sein, egal ob aus dem Irak oder aus Washington, ich möchte mit Betroffenen reden, mit Hilfsorganisationen, mit »einfachen« Menschen. Mein Bild und mein Einschätzungsvermögen werden auch danach noch oberflächlich sein, aber erstens wird mir das auch bewusst werden, zweitens aber werden sie hundertmal genauer und zuverlässiger sein als zuvor. Allerdings in einer Hinsicht gebe ich Brok Recht: Propaganda gegen das Embargo und gegen den Krieg, gegen die Verlogenheit der US-Politik und das Versagen der EU will ich gern unterstützen. Die Wahrheit, das Völkerrecht, die UNO, weniger aggressive und offensive Sicherheitskonzepte wurden schon lange vor dem ersten Bombenabwurf zerbombt. 

Bagdad, 17. Januar, früh 

Übernachtet haben wir am Mittwoch in Amman. Der Flug nach Bagdad ging gestern erst um 16 Uhr. So blieb Zeit für einen kurzen Trip in die 35 Kilometer vom Flugplatz entfernte Stadt. Es regnete zunächst. Ein Segen für dieses karge, meist so trockene Land. Der rotbraune Boden ist steinig. Kiefern, Zypressen, Eukalyptusbäume, einige Palmen in Höfen und Hügel aus Kalkstein prägen die Landschaft entlang der Straße. Immer wieder ist dem Boden ein kleiner Acker abgerungen. Ansonsten ist diese Gegend völlig zersiedelt. Amman ist gesichtslos und hässlich. Aber es ist schön, am alten römischen Amphitheater in einem Café (bei arabischem Tee – schwarzer Tee mit frischen Pfefferminzblättern) zu sitzen und den grauen deutschen Winter zu vergessen. Und der Gesichtslosigkeit einer modernen arabischen Stadt stehen die ausdrucksvollen Gesichter der Menschen gegenüber. Viele Männer und Frauen in traditioneller Kleidung, einige Frauen auch völlig verschleiert, so dass nicht einmal ein Sehschlitz erkennbar ist. Aber die meisten haben das Gesicht frei. Das Marktleben in den Gassen ist so lärmend, bunt, betörend in den Farben, Tönen und Gerüchen, dass die triste Umgebung dahinter verschwindet. Übertönt wird alles gelegentlich von den plärrenden Lautsprechern der Moscheen, über die die Geistlichen zum Gebet rufen. 
Der Flug nach Bagdad war problemlos, obwohl das Embargo gegen den Irak auch alle Flugverbindungen umfasst. Die Royal Jordanien verschweigt diese Linie allerdings auch in ihrem Bordjournal. Die Abfertigung, die Grenz-, Zoll- und Sicherheitskontrollen sind chaotisch und nervend, aber ebenso oberflächlich. Das Gleiche dann in Bagdad, obwohl auf dem Flughafen seit 1991 kaum noch Maschinen ankommen. Ein Unterschied, auf den ich jedoch vorbereitet war und der ein Schlaglicht auf die Situation des Irak wirft. Vertrauend auf meinen Diplomatenpass, hatte ich meine Reisetasche für die Medikamente zur Verfügung gestellt, die wir für ein Kinderkrankenhaus in Basra ins Land bringen wollten – am Embargo und am irakischen Zoll gleichermaßen vorbei. Zusätzlich hatte ich einer Ärztin angeboten, auch ihren Koffer voller Medikamente durchzubringen. Es gibt ja nicht nur dieses furchtbare Embargo der UNO, dem auch viele Arzneimittel unterliegen, sondern auch das Regime, das mit der Kontrolle über die verbleibenden Mittel seine Herrschaft organisiert, abgesehen von der Korruptheit der Zöllner und Grenzpolizisten. Genau die bekam ich nun zu spüren. Ich hielt meinen Diplomatenpass demonstrativ in der Hand, hoffend, dass der Zöllner sich davon beeindrucken ließe. Aber das war nicht der Fall. Er kontrollierte flüchtig meine Reisetasche. Die Medikamente entdeckte er nicht, nahm sich dann aber den Koffer vor. Ich blieb nach außen cool, innerlich sah es anders aus. Zum Schmuggeln bin ich eigentlich nicht geeignet. Ich überlegte schon fieberhaft, was ich sagen sollte. Da stellten sich drei Uniformierte eng um mich, einer flüsterte etwas. Ich verstand nicht sofort, was er wollte. Er wurde drängender: »Backschisch, do you have backschisch money?« Ja, das hatte ich, sogar griffbereit in der Hosentasche. Ich holte zwanzig Dollar heraus, die Drei stellten sich noch dichter an mich, so dass niemand zusehen konnte, und griffen zufrieden nach dem Geld. Meine Zufriedenheit, mit dem Koffer unkontrolliert passieren zu können, war mindestens genauso groß. Das Regime ist korrupt, teilweise zwingt es seine schlecht bezahlten Staatsdiener faktisch dazu und lässt sie in den meisten Fällen gewähren. Aber es dürfte auch klar sein, dass eine solche Staatsmacht keinen wirklichen Widerstand leisten wird, wenn der Umsturz von außen oder innen kommt. Innerhalb einer so totalen Organisation der Macht sind es die unübersehbaren Zeichen der Auflösung. Uns kam es zugute. 

17. Januar, nachmittags 

Wir sitzen im Fanafal-Hotel und warten auf Menschen aus internationalen Hilfsorganisationen, um von ihren Erfahrungen zu hören. Ich bestelle mir »irakischen Tee«, der sich als ein kleines Glas mit sehr starkem schwarzen Tee und einer großen Portion Zucker erweist. Für den nächsten Morgen habe ich mir eine Fahrt »mit« den UN-Inspektoren organisiert, das heißt, die Jagd mit einem gemieteten Auto und Fahrer dem Inspektorenteam hinterher. 
Der Tag heute war interessant, obwohl wir von unseren exzessiven Programmwünschen noch nichts realisieren konnten. Der irakische Betreuer ist offenkundig kaum interessiert bzw. angewiesen, uns aktiv zu unterstützen. Aber eigene Organisation ist letztlich selbst hier im Irak, in einem Land, das wir so wenig kennen, möglich. So sind wir in die Altstadt gegangen, heute ist Freitag, also Feiertag, aber die Märkte und Basare sind offen und voller Trubel. Kaum vorstellbar, dass es an Werktagen noch mehr sein soll. An diesem wie an jedem Freitag sind hier Hunderte Stände und Auslagen direkt auf der Straße mit Büchern und Zeitschriften, und Tausende Menschen gucken, lesen, wühlen, kaufen. Die arabischen Titel kann ich nicht lesen, aber es liegt alles Mögliche dazwischen auf Russisch, Tschechisch, Englisch, Französisch, Deutsch. Ein Iraker spricht mich an, stellt sich als Universitätsprofessor vor. Er ist Chemiker und seit 1991 von der internationalen Diskussion und den aktuellen Publikationen abgeschnitten. Hier finde er gelegentlich ein geschmuggeltes Buch, eine Fachzeitschrift oder Kopien davon. Aus Deutschland, wiederholt er meine Antwort auf die Frage, woher ich komme, das ist gut. Deutschland habe eine positive Haltung in der Irakfrage. Mein Anliegen, mit der Reise etwas gegen Krieg und Sanktionen zu bewirken, findet er gut, aber illusorisch. 
Das war das Schöne, Wichtige an diesen Stunden auf Bagdader Straßen: Gespräche mit Menschen, die neugierig auf den Europäer zukamen, an den Teeständen, in den Imbissstuben, im Al Mutandi Café. Ein Student, ebenfalls Chemie, der bis zu seinem dritten Lebensjahr in Deutschland aufgewachsen war, erzählte, dass er seine Jahresarbeit zwei Mal an die Universität Bonn geschickt habe. Eine Antwort bekam er nicht; seine Hoffnung in Deutschland weiter studieren zu können, dürfte unrealisierbar sein. Ein Filmstudent nannte unseren Besuch sympathisch und sinnlos. Der Krieg sei schlimm, aber man könne ihn nicht verhindern. Unsere Zuversicht (haben wir die überhaupt?) sei dumm, unser Engagement würde nichts ändern. 
Egal, wo und wen ich fotografierte, auch Frauen, niemand sträubte sich, sie freuten sich sogar, versuchten zu fragen und zu erzählen, und wenn ich ihnen das digitale Foto auf dem Display zeigte, waren sie begeistert und vor allem stolz. Am meisten die Kinder, die dann sofort ein Dutzend Freunde heranriefen, die ebenfalls fotografiert werden wollten, werden mussten. Als ich auf dem Markt vor der Moschee einen Jungen mit seinen Schafen ablichtete, musste ich auf Wunsch der ganzen Familie das patriarchale Oberhaupt fotografieren, das unbedingt auch den größten Hammel seiner Herde mit aufs Bild haben wollte. Glücklicherweise werde ich ja alle Fotos, die ich nicht benötige oder die nicht gut geworden sind, löschen können. 
Mehrfach musste ich an Broks Äußerung in der Financial Times denken (obwohl ich weiß, dass ich die Arroganz dieses Mannes ignorieren sollte). Nichts davon, was ich an diesem Tag bereits erlebt habe, wird er je erleben. Er macht Politik aus dem Sessel eines Diplomaten und Parlamentariers, aus Büros und vorbereitet von Mitarbeiterstäben und Sekretariaten. Irakerinnen und Iraker in schmutzigen, stinkenden, überlaufenen Gassen, Gespräche mit den »Objekten« der Politik wird er nicht haben und nicht den Geschmack einer warmen Falafel kennen lernen, die der Wirt einer Imbissstube dem Europäer schenkt, das wunderbar offene Lachen der Jungen und Mädchen wird er nicht hören, ihre schönen tiefbraunen oder schwarzen Augen nicht sehen. Viele von ihnen betteln, selbstbewusst und gewitzt, wie es das Betteln wohl lehren kann. Andere verkaufen Fladen, Kuchen, Obst. Im Bericht einer anderen Friedensgruppe las ich, dass einer der Teilnehmer nach zwei Tagen sechs Bettler gezählt hatte. Ich wurde in meiner ersten Stunde auf Bagdader Straßen von mindestens 15 bettelnden Frauen und Kindern angesprochen. Ich war in den meisten Fällen nicht fähig, Nein zu sagen und schämte mich, wenn ich so tat, als würde ich die Bitten nicht bemerken. Es tut weh, am meisten die Hilfslosigkeit und das Gefühl, auch durch Hilfe und Geld an der Demütigung von Menschen beteiligt zu sein. 
Was kann ich über Bagdad festhalten? Man sieht der Stadt das Embargo an, obwohl Bagdad – verglichen mit dem Süden des Landes – noch relativ gut dran sein soll. Auch in den Villenvierteln ist zwölf Jahre kaum renoviert worden. Die Autos auf den Straßen sind zahlreich, aber zum größten Teil in erbärmlichem Zustand. Der Mittelstand wird wohl die größten Verluste haben. Die Armen und Ärmsten jedoch haben vom Wenigen noch weniger. Chlor steht auf der Embargoliste, da es Ausgangspunkt für C-Waffen sein kann. Die Wasseraufbereitung ist ohne Chlor zu einem der schlimmsten Probleme für Millionen Menschen geworden, mit entsetzlichen gesundheitlichen Auswirkungen. Krankheiten und Kindersterblichkeit haben enorm zugenommen, und Nitroglycerin-Tabletten, die für die Soforthilfe bei Angina Pectoris notwendig sind, stehen auf der Embargoliste. Nach WHO-Angaben haben die Sanktionen bislang 1,5 Millionen Kinder das Leben gekostet. Bleistifte stehen wegen des Grafits, das man angeblich für die Kernwaffenproduktion benötigt, ebenfalls auf der Verbotsliste. Im Basar sind sie zu haben, alte Bestände oder geschmuggelt, aber viele Familien können sie sich nicht leisten. Es gibt fast alles in den Geschäften, die modernsten und luxuriösesten Dinge ausgenommen, die aber auch zu haben sein sollen. Doch die meisten Menschen sind verarmt. Der Irak war einmal relativ wohlhabend, hatte ein vergleichsweise gut entwickeltes und soziales Gesundheits- und Bildungssystem. Davon ist im vergangenen Jahrzehnt viel zerstört worden. Ein schwedischer Mitarbeiter der Hilfsorganisation sagte mir gestern Abend, es sei eine Schande und ein Verbrechen, was der Westen dem irakischen Volk angetan habe. 
In der gestrigen Nacht, wenige Stunden nach unserer Ankunft, wurden wir auch zu einer Demonstration von einigen hundert Menschen zum Jahrestag des Bombardements von 1991 gebeten. Sie begann um Mitternacht, also genau zu Beginn jenes Tages vor zwölf Jahren. Neben irakischen Jugendlichen, die von einem Mann mit Megaphon und einem Dutzend Verantwortlichen eher mühevoll zum Demonstrationszug organisiert wurden, gingen Friedensinitiativen aus Belgien, Italien, Japan, den USA und Deutschland mit. Ich hatte dennoch ein unangenehmes Gefühl. Natürlich wurden wir vereinnahmt. Das ist ein Problem, jedoch nicht das primäre. Die Ablehnung des Krieges und des Embargos ist mir so wichtig, dass ich das in Kauf nehme. Ich will mich gegen den Krieg, gegen die Sanktionen äußern, ich will, dass Menschen im Irak erfahren, dass viele in Europa und in den USA diese Politik ablehnen. Niemand von uns kann viel tun, aber niemand kann nichts tun. Viele der jungen Demonstranten, es waren ausschließlich Männer, waren viel spontaner, als es die Offiziellen tolerieren wollten. Sie wollten zu uns Ausländern kommen, reden, fragen, Zigaretten schlauchen, gemeinsam mit uns singen oder mit uns fotografiert werden. Immer wieder wurden sie barsch zurückbefohlen. Die kollektiven Rufe gegen Bush und Scharon waren verbal aggressiv (»Bush – Scharon – Mörder!«), soweit ich mitbekam, wurden vor dem UNDP-Quartier auch eine US- und eine Israel-Fahne verbrannt. Aber die Demonstranten waren eher fröhlich oder gleichgültig. Von Hass oder Zorn war wenig zu spüren. Wir Deutschen versuchten, zum Teil von den Demonstranten aufgegriffen, eine kulturvollere Losung entgegenzusetzen: »No war, peace now!« Später zerrte ein Polizeioffizier einen Jungen aus der Demonstration und zwang ihn brutal in den Polizeiwagen. Eine auf Englisch gestellte Frage, warum, beantwortete er arabisch und ignorierte mich dann. Vor wenigen Wochen hat die Regierung ein Wahlergebnis für Saddam Hussein von 100 Prozent bekannt gegeben. Der Anspruch des Regimes, das Land, die Menschen zu kontrollieren, mag total sein. Die Realität, die ich in den ersten Stunden im Irak erlebe, deutet jedoch darauf hin, dass dieser Anspruch längst nicht mehr durchgesetzt werden kann, außer als Resignation, Gleichgültigkeit, korrumpierte Teilnahme. 

17. Januar, 21.30 Uhr 

Wieder im Hotel. Der Tag hat mich doch ein wenig geschlaucht. Bagdad wirkt friedlich. Nichts ist vom Militär zu sehen, selbst Uniformen und Polizei habe ich fast überall auf der Welt häufiger erblickt. Das Leben scheint so normal zu sein. Die Menschen haben sich nach zwölf Jahren mit den Folgen der Blockade eingerichtet. Was habe ich gedacht, vorher? Ich habe selbst im palästinensischen Dschenin im letzten Sommer volle Geschäfte gesehen, unmittelbar nach Abzug der israelischen Armee. Nein, ich hatte mir bewusst vorher nichts ausgemalt von einem Land und einer Situation, die ich gar nicht kennen konnte. Doch das Ausmaß der Friedlichkeit, der Normalität, der Fröhlichkeit, Offenheit der Menschen überrascht und verwirrt mich. Mich treibt – die ohne Frage reale – Dramatik der politischen Entwicklung, eines nahen und extrem bedrohlichen Krieges, aber die am meisten Betroffenen haben sich damit offensichtlich nicht nur abgefunden, sondern leben damit. Mit Not, mit Gewöhnung, mit Lachen, mit Familienglück. Das ist menschlich, und es ändert nichts daran, diesen Krieg verhindern, das Embargo (außer für Waffen) beenden zu müssen. Im Gegenteil: Einen Tag dieses Straßenleben beobachtet, zwei Dutzend Menschen getroffen und gesprochen, diese zauberhaften Kindergesichter gesehen zu haben in dieser armen Normalität, mich stachelt es noch mehr an. So ist mir heute Abend zumute. Früh will ich den Inspektoren hinterher. Hoffentlich klappt alles. 

18. Januar, morgens 

Der Tag kann lang werden. Niemand weiß, wohin die Inspektion heute gehen wird. Ab sieben Uhr habe ich mit einer irischen Journalistin vor dem UNMOVIC-Quartier gewartet. Wir sind beide unerfahren in dem Spiel, das uns heute bevorsteht. Wir sind die Ersten und bis halb acht auch die Einzigen. Dann kommt ein ganzer Tross von Kamerateams und Journalisten, kurz vor acht auch ein Bus mit Anti-UNMOVIC-Demonstranten. Die Inspektoren starten erst kurz vor halb neun. Die Jagd beginnt. Die Inspektoren jagen ihr uns unbekanntes Ziel. Unbekannt, was Ort, Einrichtung, Produktion, Forschung oder Lagerung betrifft, ansonsten durchaus bekannt: einen Kriegsgrund zu finden oder zu fabrizieren bzw. auch, ihn auszuräumen. UNMOVIC ist Instrument für krass entgegengesetzte Ambitionen. Die Journalisten jagen die Inspektoren, jeder jagt um den besten Platz. Wir mittendrin. Zum ersten Mal erlebe ich ein Autorennen, noch dazu mitten im normalen und ziemlich dichten Fahrzeugverkehr, und zum ersten Mal bin ich selbst Teilnehmer. Es ist immerhin ein Pulk von vielleicht einem halben hundert Autos, der der UNMOVIC-Kolonne hinterherrast. Unser Fahrer hält gut mit. BBC haben wir schon mehrmals überholt. Die Fahrt geht zur Zeit nach Süden. Die Vororte Bagdads sind trist, graubraun, öde, schmutzig. Dann geht es westlich über schmale Straßen, vorbei an einer Militäreinrichtung, Eukalyptusbäumen, kleinen Gemüsefeldern, ärmlichen, von Lehmmauern umgebenen Bauernhöfen, winzigen Moscheen, Dattelgärten, kleinen Herden von Schafen, Ziegen, gelegentlich ein paar Kühen. Der Boden ist fruchtbar, unter Folie wächst das neue Gemüse heran, Kohl steht erntebereit. Das Land ist flach bis zum Horizont. Bewässerungskanäle ziehen sich schnurgerade durch die Felder. Es sind Frauen und Kinder, die Kühe auf die Weide treiben. 

9.30 Uhr

Nach weiteren 30 Minuten wieder eine militärisch bewachte Einrichtung. Das ist das Ziel. Wir erfahren: ein Rüstungsunternehmen, das Sprengstoff, Bomben und andere Waffen produziert. Es ist die 13. Inspektion. Ein weitläufiges Gelände. Vom Eingangstor aus ist nicht viel zu sehen, ein paar flache Gebäude, ein halbfertiger Bunker, einige Baracken. Ein Händler ist uns hinterhergerast, er bietet den Journalisten Nüsse, Schokolade, Saft an. Aber sie sind selbst gut gerüstet, haben gleich nach der Ankunft ihre Thermoskannen und Frühstückspakete ausgepackt. Vom Tor aus ist von UNMOVIC nichts zu sehen. Soweit ich es beurteilen kann, könnte hier während der Inspektion jeder passieren, auch Lkw mit Ladung. Nur die irakische Wache kontrolliert die Papiere. Ich will nicht auf uneffektive Kontrollen schließen. Mir scheint eher, dass nach zwölf Jahren Embargo, nach den Zerstörungen von 1991 und 1998 und den intensiven Inspektionen die Möglichkeiten des Irak ohnehin gering sind, bedeutsame Rüstungen geheim zu halten. 
Ich gehe zu dem Händler, möchte ihm eine Tüte Erdnüsse abkaufen. Er weigert sich, Geld zu nehmen. Wieder frage ich mich, was diese Geste mir, einem Europäer gegenüber bedeutet. Denn eigentlich müsste in diesem armen Land doch jeder froh über einen noch so geringen Verdienst sein. Ich werte es als Geste zugunsten der europäischen Journalisten, in die Hoffnung gesetzt wird, mit ihren Berichten den Krieg abzuwenden. Dann werde ich in die Wache eingeladen, Tee trinken. Ich rede mit dem irakischen Pressebegleiter über das Europäische Parlament und die Haltung Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens zum Krieg. Er ist gut informiert, urteilt genau und differenziert. Er fragt mich, ob ich glaube, dass der Krieg kommen werde. Ich sage, dass die USA ihn unbedingt wollten, aber die Chancen, ihn zu verhindern, gestiegen seien, auch durch die irakische Kooperation mit der UNO und mit UNMOVIC. Er antwortet mir, die Chancen stünden 50 zu 50. Er ist der erste Optimist, den ich getroffen habe. 

14 Uhr 

Nun warten wir schon mehr als vier Stunden. Die Inspektoren sind immer noch auf dem Gelände. Dass sie ihre Aufgabe nicht ernst nehmen, wird man – es ist die 13. Inspektion allein hier – wohl nicht behaupten können. Dieses Unternehmen muss besonders wichtig sein. Gern hätte ich etwas von ihrer Arbeit mitbekommen, um die Effektivität und die Art und Weise der Kontrollen besser beurteilen zu können, aber UNMOVIC lehnt jede Begleitung ab. So unterhalte ich mich mit jedem vor dem Tor, der Englisch kann (leider wenige), und leide mit den Kameraleuten und Journalisten, die sich langweilen müssen. Einer der Kameraleute, er ist aus Ägypten, trägt ein Schild »No war on Iraq«. Zeit gewinnen, sagt er, die einzige Chance. Mit jedem Monat werde es für die USA schwieriger, den Krieg zu rechtfertigen und zu führen. Nun ist es gleich halb drei. Der Schichtwechsel in der Fabrik ist in vollem Gange. Hunderte Frauen und Männer verlassen das Gelände, Hunderte andere kommen. Ich frage mich, ob sich der ganze Aufwand dieser Irak-Reise lohnt. Aber ich weiß jetzt schon viel mehr als zuvor, vor allem ich weiß es anders, mit authentischen Bildern und Stimmen, mit größerer Genauigkeit und aus einer ganz anderen Perspektive, nicht der von außen. 
UNMOVIC das Gelände verlassen. Wir dürfen in das Unternehmen hinein. Ein Verantwortlicher des Konzerns erzählt noch einmal, dass das die 13. Kontrolle war, diesmal mit 32 Inspektoren, 12 Fahrzeugen. Alle Teile des Unternehmens seien kontrolliert worden, alle Lager, die gesamte Produktion, sechs Proben entnommen. Teilweise habe sich UNMOVIC provokativ verhalten, sei mit Tempo 140 über die schmalen und schlechten Straßen des Geländes gejagt. Die Qaqa-Company produziere Sprengstoff und Geschosse. Wir fahren etwa zwei Kilometer. Wir sehen eine stinkende Produktionsstätte, aus deren Schornsteinen gelber und schwarzer Rauch steigt. Riesige Flächen sind 1991 und 1998 bombardiert und dem Erdboden gleich gemacht worden. An einem Lager mit leeren Bomben und verschrotteten Raketen halten und fotografieren wir. Hunderte Geschosse, Raketenteile, viele Chemikalien sind hier gelagert. Hauptsächlich für Sprengstoffe und Zünder. Kilometerweit ziehen sich zerstörte und einige intakte Bunker. Ansonsten: Trümmer, Trümmer, Trümmer – so darf Abrüstung nicht aussehen. 

15.15 Uhr, Rückfahrt 

Zurück fahren wir gemächlicher. Auf der morgendlichen Jagd hatte ich nur einen flüchtigen Blick für die Landschaft gehabt. Jetzt sehe ich, dass viele Böden salzig und wüst sind, dazwischen aber grüne Felder und Palmen. Wie wir uns Bagdad nähern, werden die Bauernhöfe weniger elend, teilweise sogar etwas wohlhabender, aber dafür liegt mehr Müll an den Straßen. Vorbei geht es an einem Kraftwerk, zwei der Schornsteine rauchen. 1991 war es ebenfalls zerstört worden. Falls es zum Krieg kommt, wird es wohl sofort wieder bombardiert werden, obwohl keine Armee der Welt, aber jede Zivilbevölkerung auf Kraftwerke angewiesen ist. 

19. Januar, 10 Uhr, Basra, Kinderkrankenhaus 

Wir sind früh aus dem verregneten Bagdad abgeflogen. Hier in Basra scheint die Sonne warm. Vom Flugplatz ging es durch die Sand- und Salzwüste, vorbei an 50 oder mehr zerschossenen Panzern und SPWs, in der Ferne Ölfelder und eine Raffinerie. Basra ist eine ärmliche Stadt. Die meisten Häuser im traditionellen Stil sind von einer Mauer aus Lehm oder aus Ziegeln umgeben, ein, zwei Stock hoch, gelegentlich dreistöckige, primitive und entsetzlich hässliche Plattenbauten, viele Nebenstraßen unbefestigt und voller Unrat. Die zahllosen Saddam Hussein-Bilder, die auch in Bagdad häufiger zu sehen sind als Mao-Bilder im China des Personenkults, sind auch hier der Umgebung angepasst: Saddam trägt das Palästinensertuch auf dem Kopf und eine Sonnenbrille vor den Augen. Ein andermal die Kleidung der Nomaden. 
Das Kinderkrankenhaus hat 340 Betten, je zur Hälfte ungefähr für schwer erkrankte Kinder und für Geburtserkrankungen. Es wird auch für die Ausbildung von Schwestern genutzt. Dr. Abd Al Kareem H. Subber, Chefarzt, erzählt uns, dass die Versorgung mit Medikamenten besser geworden sei, aber immer noch knapp, vor allem nicht planbar, so dass oft innerhalb der Behandlung die Medikamentierung geändert werden müsse, sehr problematisch bei Antibiotika. Die komplexe Medikamentierung bei Krebsbehandlung sei in fast keinem Fall möglich. Moderne Arzneien seien ohnehin nicht erhältlich, und die Ergebnisse moderner medizinischer Forschung, einschließlich von Fachzeitschriften und Büchern, unterlägen dem Embargo. Alle Geräte in der Klinik sind veraltet. Nach 1991, als Folge des Einsatzes von angereicherter Uranmunition und der Umweltkatastrophen des Krieges sind die Krebserkrankungen in Südirak auf das Drei- bis Fünffache gestiegen und treten vor allem im frühen Lebensalter, oft schon bei 25-Jährigen auf. Am schlimmsten sei die Zunahme bei Kindern. Strahlenbehandlung bei Krebskranken ist nur noch in Bagdad möglich. Die Mortalität von Babys vor, bei Geburt und in den ersten Tagen ist in diesem Krankenhaus heute drei Mal so hoch wie vor 1991. Der Chefarzt zeigt uns, auf unsere Bitte hin, Fotoalben mit Dutzenden schwersterkrankten und schwerstmissgebildeten Kindern. Der Anblick ist unerträglich, das Ausmaß ist schrecklich. Angelika, die selbst Ärztin ist, meint, dass solche Missbildungen absolut ungewöhnlich seien. Man mag vielleicht Zweifel haben, ob angereichertes Uran in den Antipanzerwaffen der US-Truppen die Ursache ist, aber dass diese enormen Häufungen nicht untersucht werden, dass WHO, UNO, andere internationale Organisationen sich weigern, sie auch nur zur Kenntnis zu nehmen, ist in meinem Augen ein Verbrechen. Viele Frauen in dieser Region, so höre ich, wollen nicht mehr schwanger werden, weil sie Angst haben. 
Wir besichtigen das Krankenhaus. Es wirkt freundlich und vergleichsweise sauber. Viele Männer und Frauen warten mit ihren Kindern auf die Behandlung. Schwangere kommen mit der ganzen Familie. Dr. Abd Al Kareem weist uns auf ein Mädchen hin, das uns mit ihrer Mutter entgegenkommt. Neun Jahre, Leukämie. Medikamente und Blutkonserven für die Behandlung sind Mangelware. Fünf Meter weiter fragt er auf dem Gang einen Vater, was dessen Tochter fehle. Leukämie. Die Kleine ist sechs Jahre alt. Die Familie wohnt 60 Kilometer nördlich von Basra in einem ländlichen Gebiet, in dem es 1991 heftige Bombardierungen und Kämpfe gegeben hat, erzählt der Vater. Überall würden die Reste von Geschossen liegen. Uns sagt er, wir sollten alles tun, damit es keinen neuen Krieg gibt. In einem Krankenzimmer sehen wir zwei Kinder mit Herzmissbildungen in einem Bett. Die notwendigen Herzoperationen sind in Basra nicht möglich, nur in Bagdad. Früher war die Behandlung kostenlos, jetzt müssen die Familien die Medikamente und Operationen bezahlen. In einem anderen Krankenzimmer sprechen wir mit vier Frauen, deren Kinder hier liegen. Sie sagen uns für unseren Besuch »Schükram«, danke. Wir fühlen uns hilflos. Fünf Schwestern kommen herein, erzählen, allein heute seien drei Kinder mit Leukämiediagnose eingeliefert worden. An einem einzigen Tag. Wir fragen nach. Eine Ärztin antwortet, dass sie vor dem Krieg in zwei Jahren einen einzigen Fall erlebt habe. Mehr als zehn Prozent der aufgenommenen Kinder in diesem Krankenhaus haben Krebs, sechs davon Leukämie. Das dürfte es in keinem anderen Krankenhaus der Welt geben. Der Chefarzt sagt uns zum Schluss, als wir ihm für die Führung danken: »Danken Sie nicht. Don't thank, see the problem. Am meisten brauchen wir Ihre ehrlichen Gefühle. Und wir benötigen Medikamente, Geräte, Fachzeitschriften, aktuelle medizinische und pharmazeutische Bücher.« 
Wir fahren durchs alte Basra. Wir werden die Erschütterung nicht los. Mir sitzt ein riesiger Kloß tief im Hals. Angelika und Gabriele weinen. Die meisten Kinder in diesem Krankenhaus könnten geheilt werden, die Krebsrate ist beispiellos, nur durch die giftigen Folgen des Krieges erklärbar, vielleicht durch die Radioaktivität, bestimmt durch das komplexe Zusammentreffen der Gifte. Die Mütter sitzen neben ihren sterbenden Kindern und sind so freundlich, so offen zu uns. Man kann es nicht aushalten. Angelika sagt, jeder normal denkende Mensch würde die Situation in Basra, im Kampfgebiet des Südens untersuchen. Aber Politik denkt nicht normal. Nicht menschlich. Elmar Brok, fahren Sie in dieses Krankenhaus. Nehmen Sie sich Zeit für die Mütter, Kinder, Ärzte, Schwestern. Vielleicht machen Sie dann weniger kalte Politik. Ich nehme mir vor, das letzte Mal an Broks Interview gedacht zu haben.
 
Die eine Wahrheit: Raketenteile in der Qaqa-Companie.

Die andere Wahrheit: Nach 1991 sind die Krebserkrankungen in Süd-Irak auf das Drei- bis Fünffache gestiegen. Dieses sechsjährige Mädchen hat Leukämie.

Foto: A. Brie

Bericht: Die Embargobrecherin von Basra
 
(moral sense / André Brie / ND 25.01.2003)