"Die Embargobrecherin in Basra"
Eva-Maria Hobiger redet nicht über Saddam, sie redet über kranke Kinder

Eine mutige Frau lernte André Brie, PDS-Abgeordneter im Europäischen Parlament, bei seinem Besuch in der südirakischen Stadt Basra kennen: die Österreicherin Dr. Eva-Maria Hobiger.
 

Eva-Maria Hobiger muss eine nervenstarke Frau sein. Eine ungewöhnlich tatkräftige und durchsetzungsfähige ohnehin. Beim irakischen Zoll blieb sie einfach sechs Stunden sitzen und erklärte den verdutzten Beamten: »Ohne meine Geräte gehe ich hier nicht weg.« Dann konnte sie gehen, mit den Geräten. In den vergangenen sechs Monaten ist sie auf alles an Bürokratie und vor allem an menschlicher Kälte getroffen. Und sie hat alles überwunden. Aber, wie sie da vor uns sitzt, die österreichische Ärztin, Krebsspezialistin, und von ihren Erfahrungen mit dem Sanktionsausschuss der UNO, vor allem mit dem USA-Repräsentanten in diesem Ausschuss, erzählt, ist ihre Empörung kaum gezügelt. 
 
Im Mutter-Kind-Krankenhaus Basra: 
Die Sechsjährige ist an Leukämie erkrankt
Foto: G. Senft
Hobiger hatte das entsetzliche Ausmaß von Krebserkrankungen im südirakischen Basra kennen gelernt. Ihrer Meinung nach kommen als Ursache nur die massiven Umweltschäden nach dem Golfkrieg 1991 in Frage. Hier in Südirak hatte es die heftigsten Kämpfe und Bombardements gegeben. Gifte aus Chemieanlagen, Raffinerien, Ölförderanlagen waren ausgetreten. Die USA verschossen tonnenweise abgereichertes Uran in ihren panzerbrechenden Waffen. Und nach dem Krieg wurde der Umgang der Bauern mit Pestiziden leichtfertiger, weil die dramatischen Folgen des UNO-Embargos oft genug Produktion um jeden Preis verlangten. 
Gemeinsam mit der katholischen Kirche in Wien entwickelte die Onkologin ein detailliertes Projekt für die Krebsbehandlung in Basra. Beim Sanktionsausschuss der UNO beantragte sie die Einfuhrgenehmigung. Nach Monaten erhielt sie sie für die meisten Teile. Für die meisten, nicht für die wichtigsten. Möbel und Matratzen durften nach Irak gebracht werden. Die beiden Blutzentrifugen, der Blutplasmagefrierschrank, ein Kühlschrank für Blutkonserven, zwei Separatoren zur Blutkonservenherstellung blieben auf Verlangen der USA verboten. Diese Geräte, so lautete die Begründung, seien auch militärisch bedeutsam. 
Ein Mitarbeiter der österreichischen Hilfsorganisation reiste extra nach New York, traf sich mit dem Vertreter der USA im Ausschuss, Andrew Hillmann, und berichtete ihm von der unvorstellbaren Situation, den leukämiekranken Kindern in Basra, der Häufung anderer Krebserkrankungen. Hillmann hatte nur eine Antwort für ihn: »Ich rede mit Ihnen nicht über leukämiekranke Kinder, ich rede mit Ihnen nur über Saddam Hussein.« Eva-Maria Hobiger hat daraufhin auf eigene Faust gehandelt. Sie hat die Geräte in zwei Luftcontainer verpackt und sich öffentlich dazu bekannt, sie unter Missachtung der Sanktionen nach Irak gebracht zu haben. Auf die Frage, ob sie eine juristische Verfolgung erwarte, meinte sie: »Ja, es ist ein offener Bruch des Embargos. Ich muss durchaus mit einer Anzeige rechnen, aber ich glaube, dass ich vom menschlichen Standpunkt die Verpflichtung gehabt habe, gegen die Sanktionen zu verstoßen.« 
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind etwa 500000 irakische Kinder Opfer des 12-jährigen Embargos geworden. Entsetzlich und besonders empörend (wenn es überhaupt Steigerungen gibt) ist das Verbot von Pentustan, einem Medikament, das für die Behandlung der Tropenkrankheit Kala-Azar benötigt wird. Eva-Maria Hobiger hat auch diese Erfahrungen machen müssen. 130 Packungen des Mittels, mit denen 500 Kinder geheilt werden könnten, hat sie kürzlich mit einer österreichischen und EU-Exportgenehmigung in London gekauft und mit 3000 Pfund bereits bezahlt. Doch die britischen Behörden verweigern die Auslieferung, weil angeblich auch Pentustan ein »dual use«-Mittel sei, zivil und militärisch verwendbar. Hobiger kennt keinen militärischen Zweck der Arznei, aber selbst wenn: In der dritten Januarwoche wurden im Krankenhaus von Basra 20 Kinder mit Kala-Azar diagnostiziert und nach Hause geschickt. Mehr konnten die Ärzte nicht tun. Die Krankheit ist hundertprozentig heilbar, wenn sie behandelt wird, hundertprozentig tödlich, wenn die Medikamente fehlen. 
Die Sanktionen der UNO sind ein eindeutiges Verbrechen, in mancher Hinsicht die Vorwegnahme des Krieges, und – ohne den Schrecken von Kriegen zu relativieren – sie sind Krieg gegen und Mord an Kindern mit den Mitteln des Importverbots. Eva-Maria Hobiger, wer sie erlebt, weiß es, gibt nicht klein bei, schon gar nicht auf. Am 18. Januar ist ihre erste Blutzentrifuge in Betrieb genommen worden. Und es gibt ein Spendenkonto für die Behandlung von Kala-Azar und die Finanzierung der verbotenen Medikamente: 

Kinder in Irak 
Hypovereinsbank AG München 
Konto-Nr. 665 82 15 95, BLZ 700 20 270

weiterer Bericht: Reisenotizen aus Irak

 
(moral sense / André Brie / ND 01.02.2003)