"Drei Lebenslügen amerikanischer Politik"
Essay von Gore Vidal

Gore Vidal kann's nicht lassen. Auch in seinem neuesten Roman »Das Goldene Zeitalter« erweist sich der US-amerikanische Autor als scharfsinniger Provokateur, den man schmäht in den Medien und doch nicht missen möchte. Aufgewachsen im inneren Zirkel der Macht, verfügt der Senatorenspross mit Verwandtschaftsbeziehungen zum Kennedy-Clan über ein Insiderwissen, das ihn nicht korrumpiert, sondern eher quält; über einen Gerechtigkeitssinn, mit dem er häufig aneckt, ohne sich je feige anzupassen. Fünf Jahre währte die goldene Friedenszeit nach '45, lässt er einen seiner Romanhelden vorrechnen, danach waren die USA »rund um die Uhr im Krieg«. Man musste ja alle Welt zu aller Zeit vor allem möglichen bewahren. Sieht ganz so aus, als bekäme Vidal nun wieder allerhand zu tun: als beliebtestes Ärgernis der Talk-Szene
 

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Fotos unten: Die Atombombe, die 1945 über Nagasaki explodierte, sollte die USA vor einer Invasion schützen. Eine Schutzbehauptung Trumans, wie sich zeigte

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In meinem jüngsten Roman »Das goldene Zeitalter« (Knaus-Verlag, München 2001, weitere Info), das im wesentlichen die Jahre 1940-50 umfasst, wie sie von Washington, D.C. aus von unseren Herrschenden wahrgenommen werden, trage ich Beweismaterial in drei Fällen vor, die faustdicke Lügen seitens unserer Präsidenten betreffen. Zum einen hat Franklin Delano Roosevelt (dessen einheimische Politik, den »New Deal«, ich bewundere) die Japaner absichtlich provoziert, uns in Pearl Harbor anzugreifen. Warum? 1940 bereits wollte er uns in den Krieg gegen Hitler verwickelt sehen, doch 80 Prozent des amerikanischen Volkes wollten nach den Enttäuschungen von 1917 keinen europäischen Krieg, welcher Art auch immer. Er konnte nichts tun, um eine isolationistische Wählerschaft vom Fleck zu bewegen. Zum Glück für ihn (und vielleicht die Welt) hatte Japan ein Militärabkommen mit Deutschland und Italien. Seit Jahren schon war Japan mit einer imperialen Mission zur Eroberung Chinas befasst. Insgeheim startete FDR eine Reihe von Provokationen, um die Japaner zu dem anzustacheln, was sich dann als Angriff auf unsere Flotte in Pearl Harbor herausstellte, wodurch unser prompter und rückhaltloser Einstieg in den Zweiten Weltkrieg unvermeidlich wurde. Es gibt eine ausgedehnte Literatur zu diesem Thema, die bereits 1941 anfängt mit Charles A. Beards »President Roosevelt and the Coming of War« und andauert bis zum gegenwärtigen »Day of Deceit« von Robert B. Stinnett, worüber gerade in den Vereinigten Staaten disputiert wird. Stinnett erstattet sehr detailliert Bericht über die Schritte hin zum Kriege, wie sie von FDR initiiert wurden, einschließlich des Ultimatums an die Japaner vom 26. November 1941, das sie aus China hinaus beorderte sowie darauf bestand, dass sie ihren Pakt mit den Achsenmächten widerriefen; das ließ Japan keine anderer Wahl als Krieg, und der Zweck der Übung war erreicht. 
Der zweite große Mythos besagt, dass Harry Truman, FDRs Nachfolger, seine zwei Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abwarf, weil er fürchtete, dass bei einer Invasion das Leben von einer Million Amerikanern verloren ginge (so die Lüge, die er seinerzeit erzählte). Admiral Nimitz, der an Ort und Stelle im Pazifik war und General Eisenhower, der woanders brütete, widersprachen: Die Japaner hätten den Krieg schon verloren, sagten sie. Keine Nuklearbomben, keine Invasion wären mehr notwendig; außerdem hatten die Japaner versucht, sich zu ergeben seit der Verwüstung Tokios durch amerikanische B-29-Bomber im Mai 1945. 

AtompilzDer dritte große Mythos besagt, dass die Sowjets den »Kalten Krieg« anfingen, weil sie, vom machtbesessenen Möchtegern-Welteroberer Stalin angetrieben, Deutschland teilten und uns somit zwangen, die westdeutsche Bundesrepublik zu schaffen, und dass, als Stalin uns dann gemeinerweise den Zugang zu unserem Sektor Berlins verwehrte (damals noch unter Vier-Mächte-Status, wie in Jalta beschlossen), wir ihm mit einer Luftbrücke die Stirn boten. Daraufhin gab er klein bei, seine Pläne für eine Invasion Frankreichs, ein Überqueren des Atlantiks usw. waren durchkreuzt. 
Dies sind drei große Mythen, den meisten Historikern jener Epoche als solche bekannt; Hofhistoriker jedoch, besonders diejenigen, welche ihr Gehalt von Universitäten mit Bundesmitteln für Forschung und Entwicklung beziehen, spielen sie entweder herunter oder bestreiten sie glattweg. 

AtombombeIn »Das goldene Zeitalter« enthüllte ich (taktvoll, wie ich glaubte) das Leben in Washington während einer Dekade: vom Fall Frankreichs über Pearl Harbor bis hin zum »Kalten Krieg« und zu Korea. Niemand muss irgend etwas von Geschichte wissen, um dem Geschehen folgen zu können. Nichtsdestotrotz hat sich ein amerikanischer Rezensent aufgeregt: ob ich denn nicht wüsste, wie »verdämlackt« die Amerikaner wären, und wie ich es wagen könnte, Leute wie Harry Hopkins zu erwähnen, von denen sie nie gehört hätten? Nun bin ich ein ziemlich erfahrener Erzähler, und jede Figur wird nicht allzu umständlich, wie ich hoffe aus dem Zusammenhang heraus erklärt. Unglücklicherweise will es die neue Pop-Weisheit, dass man nur über das schreiben darf, was die Leser schon wissen, wodurch sich, zumindest in diesem Falle, ein unwahres Bild ergäbe. 
Herbert Hoover betrachtete, zu Recht oder Unrecht, FDR als einen Menschen, der aus ein und demselben totalitären Holz geschnitzt war wie Hitler, Mussolini und Stalin: »Man kann nicht die Herrschaft einer Regierung auf das Alltagsleben eines Volkes ausdehnen, ohne sie nicht zugleich zum Herrscher über die Seelen und Gedanken des Volkes zu machen.« Unser bester moderner Historiker, William Appleman Williams, hielt in »Some Presidents: Wilson to Nixon« (1972) Hoovers Eingebung fest, dass im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts der Virus totalitären Regierens weit verbreitet sei auf der Welt und dass Hitler auf seine dämonische, Stalin auf seine tödlich bürokratische und FDR auf seine relativ melioristische Art und Weise jeweils auf einen gemeinsamen Zeitgeist reagierten. 
Jemand, der nicht bereit ist, sich auf eine solche Deutung einzulassen, mag auch geneigt sein, die scharfe Schlussfolgerung in »Das goldene Zeitalter« misszuverstehen, dass eine Ära meines Erachtens glücklich zu Ende ging, als die traditionelle amerikanische Dienstbotenklasse aufhörte zu existieren; dank der Tatsache, dass 13 Millionen von uns bei den Streitkräften und Frauen während des Zweiten Weltkrieges vollbeschäftigt waren. Dass ein paar der albernen Granden diesen Zustand beklagen, ist Teil der gesellschaftlichen Komödie meiner Schilderung, zugegebenermaßen von nicht ganz so hohem Rang wie die unfreiwillige Komödie, die die Rechte aufführt, wenn sie eine unerwiderte Leidenschaft für den Demos vortäuscht. 
Und schließlich ist da der Mythos, dass Stalin den »Kalten Krieg« begann, indem er Deutschland zweiteilte und versuchte, uns aus unserem Sektor Berlins zu vertreiben. Deshalb werde ich die bisher beste Autorität auf ihrem Gebiet zitieren, die sagt, was Truman nach Potsdam vorhatte, als er Stalin traf, der nach Jalta erwartet hatte, in einer Art vernünftigem Gleichgewicht mit den Vereinigten Staaten leben zu können. Hier also Carolyn Eisenberg in »Drawing the Line. The American Decision to Divide Germany, 1944-49« (1996): »Mit dem Beginn der Berlin-Blockade verschaffte sich Präsident Truman mit einer schlichten Geschichte Gehör, derzufolge die Russen die Kriegsvereinbarungen mit Füßen traten bei ihrem skrupellosen Griff nach der einstigen deutschen Hauptstadt. Was der Präsident nicht erklärte war, dass die Vereinigten Staaten (einseitig mein Adverb, G.V.) die Abkommen von Jalta und Potsdam preisgegeben hatten, dass sie die Bildung eines westdeutschen Separatstaates gegen die Befürchtungen vieler Europäer vorantrieben und dass die Sowjets die Blockade lanciert hatten, um die Teilung zu verhindern.« Die große Lüge verbleibt uns noch heute. Und bitte jetzt keine Briefe über die Schrecken des Gulag, Stalins Misshandlung der Pufferstaaten usw. Unser Thema sind die ernstlichen Entstellungen der Wahrheit auf unserer Seite und wie wir, außer wenn sie entwirrt werden, auf ewig dazu verdammt sind, in einem andauernden nichts begreifenden Nebel herumzutappen. Guten Morgen, Vietnam! 
Diese Einstellung zur Wahrheit seitens der Truman-Regierung wurde am besten ausgedrückt von Außenminister Dean Acheson in seinen Memoiren »Resent at the Creation. My Years in the State Department« (1969). Es war Acheson, der das globale Imperium am 27. Februar 1947 auf den Weg brachte. Schauplatz: der Kabinettsaal des Weißen Hauses. Anwesend: Truman, Außenminister Marshall, sein Stellvertreter Acheson sowie ein halbes Dutzend Führer des Kongresses. Den Briten war, wieder einmal, das Geld ausgegangen. Sie vermochten ihre Verpflichtung nicht zu erfüllen, Griechenland an die Freiheit zu binden. Könnten wir übernehmen? Obwohl Stalin die griechischen Kommunisten gewarnt hatte, dass ihr Land in den amerikanischen Einflussbereich fiele und sie daher keinerlei Hilfe von ihm erwarten sollten, wollte Truman eine dramatische Militär-Steigerung: Wir mussten Flagge zeigen. Doch Marshall gelang es nicht, die Führer des Kongresses zu überzeugen. Acheson, ein vorzüglicher Anwalt für Wirtschaftsrecht und ein höchst geistreicher Mann, sprang in die Bresche. Er war voller Leidenschaft. Die freie Welt stand am Abgrund. Jawohl, bei Armageddon. Sollten die Russen Griechenland und dann die Türkei besetzen, ständen drei Kontinente auf dem Spiel. Er benutzte die unverwüstliche hausbackene Metapher von dem Korb mit dem einen faulen Apfel, der... Und schließlich, waren wir nicht die Erben des Römischen Reiches? War nicht die Sowjetunion unser Karthago? Hatten nicht unsere Punischen Kriege begonnen? Wir durften nicht wagen, zu verlieren. »Amerika hat keine Wahl. Wir müssen jetzt handeln, um unsere Sicherheit zu schützen (...), um die Freiheit selber zu verteidigen.« Man einigte sich dann darauf, dass, wenn Truman sich derart an die Nation wandte und das amerikanische Volk das Fürchten lehrte, der Kongress das finanzieren würde, was sich als ein halbes Jahrhundert »Kalter Krieg« herausstellen sollte, der bislang 1,7 Billionen Dollar gekostet hat. 
Rückblickend schrieb Acheson quietschvergnügt: »Falls wir unsere Anschauungen klarer dargelegt haben als die Wahrheit, so unterscheiden wir uns darin nicht von den meisten übrigen Erziehern und konnten auch kaum anders handeln.« Immerhin war es, wie er anmerkte, die Ansicht des Außenministeriums gewesen, dass der Durchschnittsamerikaner nicht mehr als zehn Minuten täglich damit verbrachte, über auswärtige Politik zu grübeln; heutzutage sind es weniger, da schließlich die Fernsehwerbung alles klarer machen kann als die Wahrheit. 

 
(moral sense / Gore Vidal, Übersetzung: Stefan Dornuf ND / 29.09.2001)