"In Erinnerung an ein Nein"
An diesem Sonntag, am 30.06.2002, wird Christa Lörcher mit dem Clara-Immerwahr-Preis ausgezeichnet

Am 2. Mai 1915 nimmt Clara Immerwahr sich das Leben. Sie ist 45 Jahre alt, als sie sich mit der Dienstwaffe ihres Mannes ins Herz schießt. Ihre Promotion in Breslau im Fach Physikalische Chemie liegt zu diesem Zeitpunkt Jahre zurück, ebenso wie ihre Hochzeit. 
1901 hatte sie Fritz Haber geheiratet. Der Chemiker entwickelte 1912 mit Carl Bosch die großtechnische Ammoniaksynthese (Haber-Bosch-Verfahren) - Grundlage der deutschen Produktion für Düngemittel und Sprengstoffe. Mit Kriegsbeginn konzentrierte er seine Forschung vollständig auf die Suche nach neuen Kampfgasen und trug später im Kriegsministerium die wissenschaftliche Verantwortung für das gesamte Gaskampfwesen. Clara Immerwahr sah darin eine »Perversion der Wissenschaft«; mehrfach bezog sie gegen ihn Stellung. Als er persönlich an der Front den Einsatz von Chlorgas befehligt, will sie mit ihrem Tod ein Signal gegen Massenvernichtung setzen. Ihr Selbstmord wird als Verzweiflungstat einer erblich belasteten Frau abgetan. 
Nach ihrem Mann, der 1918 den Nobelpreis erhielt, ist heute in Berlin eine Forschungsstelle der Max-Planck-Gesellschaft benannt. Clara Immerwahr wäre vergessen, hätte nicht die deutsche Sektion »Internationale Ärzte gegen den Atomkrieg - Ärzte in sozialer Verantwortung« einem Friedenspreis ihren Namen gegeben. An diesem Sonntag, am 30. Juni 2002, wird er Christa Lörcher verliehen.
 

Christa Lörcher – für einige Tage stand sie im Rampenlicht der Geschichte. 
 
Fotos: Joachim Fieguth 
 
Gern lädt sie Schulklassen zu sich ein.

Christa Lörchers Ruhm passt in eine Handtasche. Als ich zu ihr gehe, trage ich ihn bei mir: ein paar Kopien von Zeitungsartikeln aus dem letzten November. Vorher hat sie keine Schlagzeilen gemacht, hinterher auch nicht. Ihre Themen als Bundestagsabgeordnete sind unspektakulär: Migranten, alte und behinderte Menschen schaffen es in den Zeitungen nur selten ganz nach vorn. So auch nicht im letzten November. Und doch erschien Christa Lörchers Name mehrfach auf den ersten Seiten. Zunächst, weil sie bei der Abstimmung über den Einsatz deutscher Soldaten im Krieg gegen Afghanistan, die Bundeskanzler Gerhard Schröder mit der Vertrauensfrage verband, in den Reihen ihrer Partei zu den »unsicheren Kandidaten« gehörte. Dann, weil sie schließlich als Einzige aus der Fraktion der Kanzlerpartei gegen diesen Einsatz stimmte. In den Tagen dazwischen liegt ihre Leistung: Statt der Mehrheit folgte sie ihrem Gewissen. 
Eigentlich müssten wir uns ja wundern, dass so etwas preiswürdig ist. Das Komische: Wir wundern uns nicht. Wir sind nicht mehr achtzehn und nicht mehr naiv – wir hatten Zeit, herauszufinden, dass es Mut braucht, sich quer zu stellen, wir aber ziemlich feige sind. Die Abwesenheit von Verwunderung erzählt aber noch etwas anderes: Längst haben wir uns mit einem Bild von Gesellschaft und Politik arrangiert, in dem »Sachzwänge«, Anpassung und Karriere dominieren. 
Darüber, nehme ich mir vor, werde ich mit Christa Lörcher nicht reden. Sie würde sowieso widersprechen. Schon, weil sie das als Politikerin müsste. Andererseits bin ich mir sicher: Sie könnte das Bild auch nicht akzeptieren. Sie würde dagegenhalten, dass sie als neuntes Kind einer Pfarrersfamilie auf dem Dorfe geboren wurde, wo es ganz selbstverständlich war, sich um andere zu kümmern, soziales Engagement zu entwickeln. Sie würde an Tübingen erinnern, wo sie nicht nur Mathematik studierte, sondern mitmachte bei den Studentenprotesten, weil sie es als ungerecht empfand, dass nicht alle sich Bildung leisten können. Sie würde die SPD, der sie 1970 beitrat, ihre politische Heimat nennen, wo sie mitgestalten kann im Sinne ihres Ideals: Chancengleichheit für Kinder, Frauen, ausländische Mitbürger, kurz gesagt, Chancengleichheit für alle. 
Das würde sie mir freundlich erklären; so steht es in meinen Zeitungsausschnitten. Sie legt Wert auf Glaubwürdigkeit, vielleicht, weil sie tief im Innern ahnt, dass es genau daran fehlt. Und die »gläserne Abgeordnete«, die ihre Bezüge und Ausgaben regelmäßig öffentlich macht, würde mich überzeugen wollen, Politik sei ein ehrliches Geschäft, einzig dem Gemeinwohl verpflichtet. Einen kurzen Augenblick hätte ich Lust, ihr Glauben zu schenken. 
Im Jakob-Kaiser-Haus nahe dem Reichstagsgebäude wird meine Handtasche durchleuchtet. Das Archiv ist harmlos, kein Sprengstoff: Christa Lörchers Novemberruhm hat Deutschland nicht wirklich erschüttert. Die Frau aus Villingen-Schwenningen holt mich beim Empfang ab (so heißt das ), um mich in ihr Büro zu geleiten. Was die Sicherheit betrifft: Die Gefahr, die von außen droht, ist nichts gegen die, die hier drinnen lauert. Der riesige Büroneubau der Berliner Republik – ein architektonisches Attentat. Düster-mahnend, wo auch mal ein erbaulich-aufbauender, selbstbewusster Blick Not täte, Korridore, die wie Balkone über einem Schacht hängen, dessen kalkweiße Rückwand im Neonlicht flimmert... 
Kein guter Ort, wenn man depressiv, einsam oder verzweifelt ist. Christa Lörcher ist nichts von alldem. Freunde sagen: Sie ist stark. Als sie ihre zwei Kinder verlor, die mukoviszidosekrank waren, stand sie das mit ihrem Mann durch – die Gemeinschaft zerbrach nicht, sie wurde enger. Da sie sich nicht mehr im Stande fühlte, weiter Kinder zu unterrichten, begann sie von vorn – in der Altenpflege. Jetzt lacht sie in meine Richtung: »Wenn Sie denken, ich war im November allein, dann irren Sie sich: In meinem Wahlkreis im Schwarzwald hielten Freunde und Bekannte, darunter auch SPD-Mitglieder, seit Oktober Mahnwachen; sie stärkten mir in diesen Tagen den Rücken.« Ihr Mann sei sogar nach Berlin gekommen. So konnten sie abends nach den Gesprächen, Aussprachen und Sitzungen gemeinsam über die Vorwürfe reden, mit denen man sie einschüchtern wollte. Oder gemeinsam darüber lachen. Der Fraktiondruck sei hart gewesen. »Als es um Mazedonien ging«, sagt sie, »war der Respekt füreinander noch größer. Jetzt fehlt Verständnis füreinander.« Es rutscht ihr raus, nur dies, nicht mehr. Die Frau, die mir über den Gang vorauseilt, hinter dem ein Schacht abfällt, wirkt ausgeglichen, wenn nicht heiter. Perfekte Frisur, fließendes Kleid, Goldkettchen an Hals und Handgelenken. Sie öffnet die Tür: »Treten Sie ein.« 
Ihr Büro ist freundlich-hell, an der Wand ein Kinderbildnis. Christa Lörcher streift ihre Sandalen ab, eine Frau wie du und ich, draußen ist das Thermometer über 30 Grad geklettert. Zu Beginn des Gesprächs will sie wissen, ob ich gegen die SPD schreiben möchte oder mich für »das Persönliche« interessiere. Zu Attacken auf ihre Partei mag sie sich nicht hergeben, auch jetzt nicht, da sie die Fraktion verließ. »Es stimmt nicht, dass ich gezwungen wurde, man hat mich aufgefordert«, erklärt sie. Als ob das ein Unterschied wäre. Das ist das Problem bei Politikern: Sie sind auch als Menschen so sehr Partei, dass man nicht mehr unterscheiden kann, wo das eine beginnt und das andere aufhört. 
Natürlich gibt es biografische Fakten, die nur zu Christa Lörcher gehören. Fakten, die sie für einige Tage ins Rampenlicht der Geschichte rückten. Zum Beispiel, dass sich jenes Städtchen, in dem sie ’41 zur Welt kam, heute auf dem Gebiet Polens befindet: eine Kindheit auf der Flucht. Angst, Hunger, Gewalt und Tod – keine Kindheit, die Kinder erleben dürfen. Über Kindheiten nachzudenken, mit den Müttern zu empfinden, die ihre Kinder begraben müssen, begann sie, als sie um die eigene Tochter und den eigenen Sohn bangte. Seitdem weiß sie: Leid ist überall gleich, ob im Schwarzwald oder in Mazedonien, in Afghanistan, im Irak. Sie wurde Pazifistin, deshalb, Pazifistin wegen der Kinder. Das »Sag NEIN«, das Wolfgang Borchert in seinem Antikriegsbuch »Draußen vor der Tür« anmahnte, machte sie sich zur Verpflichtung. Christa Lörcher sagte Nein. »Bomben, warum man sie auch einsetzt, sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bomben zerstören die Infrastruktur – Schulen, Krankenhäuser, Menschen. Dass Menschen zu Schaden kommen, will ich nicht verantworten.« 
Jene Tage im November seien für sie nicht dramatisch, eher anstrengend gewesen. »Andere haben mehr gezittert.« In keinem einzigen Augenblick habe sie an ihrem Nein gezweifelt. Gut, sie habe zugehört, die Argumente abgewogen, und als Erhard Eppler meinte: »Ob wir so oder so entscheiden, Schuld laden wir in jedem Fall auf uns«, sei sie sehr nachdenklich geworden. Der Hinweis auf Bündnisverpflichtungen habe sie weniger beeindruckt, da habe sie eigene Vorstellungen: humanitär helfen, Minen räumen, eine Polizeitruppe aufbauen. Man habe ihr entgegengehalten, dass man dies alles gar nicht könne, solange die alte Regierung da sei. Auch sie wisse keineswegs genau, wie man gegen Diktaturen vorgeht, in einem sei sie aber sicher: »Bomben sind das falsche Mittel.« 
Christa Lörcher hat ihre Gewissheit. Mit einer Gewissheit hat man es leichter, jedenfalls in gewisser Weise. Was machen die, denen die Gewissheiten fehlen? Wer hätte Deutschland von Hitler befreit, wenn die USA ’41 pazifistisch gewesen wären und die zweite Front nicht eröffnet hätten? Wäre Hitler möglich gewesen, wenn die Weimarer Demokratie sich ein wenig weniger wehrlos und etwas mehr wehrhaft gezeigt hätte? Ist die pazifistische Idee eine schöne Utopie wie einst die kommunistische? 
Gewissheit und Gewissen haben nicht zufällig denselben Wortstamm. Und doch, wer ratlos und zerquält ist, darf man den gewissenlos nennen? »Das mit den USA und Hitler, das kommt immer«, winkt Christa Lörcher ab. »Man muss immer genau hinsehen. Wenn es heißt, die afghanischen Frauen seien jetzt vom Schleier befreit, dann wissen wir erstens nicht, ob das stimmt, und zweitens heiligt der Zweck nicht die Mittel.« Keine Antwort, doch eine Haltung. Ohne die es die Krieger der Welt noch ein bisschen leichter hätten. 
Dennoch räumt Christa Lörcher ein, dass Gewissheit und Gewissen sehr persönliche Dinge sind. Sie will anderen ihre Sicht auf die Dinge nicht aufzwingen. So versteht sie auch den Gewerkschafter, »der weiter regieren will, weil wir mit der FDP oder unter Edmund Stoiber eine andere Republik hätten«. Sie verweist auf die Trendwenden in Agrarwirtschaft und Energiepolitik, die ihre Partei herbeigeführt habe, die außenpolitische Trendwende übergeht sie an dieser Stelle. »Ach«, sagt sie, als ich darauf hinweise, »das ging doch schon Jahre Schritt für Schritt. Und wenn man sagt, die Konservativen hätten sich weniger exponiert, weil sie nichts hätte beweisen müssen, dann stimmt das so einfach nicht. Wie die mit der Rüstung verbandelt sind, sind die bei jedem Einsatz dabei!« Einen Atemzug zögert sie: »Deshalb wundert es mich ja, dass meine Partei das mitgemacht hat.« 
Jemand, der sich noch wundern kann? Oder ist Christa Lörcher einfach nur eine gute Wahlkämpferin? Ich behaupte: Beides trifft zu. Obwohl sie demnächst ihr Büro räumen wird. Nach neun Jahren im Parlament wird sie nicht mehr kandidieren. Doch sie sagt nicht: »Ohne Listenplatz stünden meine Chancen gleich Null, noch einmal gewählt zu werden«, sondern: »Letztes Jahr wurde mein Mann pensioniert, wir wollen mehr Zeit miteinander verbringen. Meine parlamentarische Arbeitswoche beträgt 80 Stunden, da bliebe für uns wenig übrig.« Natürlich stimmt das, was sie sagt. Doch was sie nicht sagt, ist auch richtig. 
Kein schöner Abschied nach neun Jahren. »Wieso nicht«, fragt sie, »was ist daran schlecht?« Christa Lörcher schlüpft wieder in ihre Sandalen, denn nun wird es etwas feierlich. Ihre Jahre als Parlamentarierin seien wichtige Jahre gewesen: Sie habe »viele Menschen kennen gelernt, viele Probleme, auch über die Grenzen hinaus, das, was andere Länder beschäftigt«. – Sie kann Nein sagen, und sie kann nichts sagen. Und es wäre ja wirklich ermüdend, wenn sie alle Ausschüsse, Kommissionen, Arbeitsgruppen, in den sie mitwirkte, aufzählte. Dafür gibt es Papier, sie schiebt es mir hin: Sie hat im Ausschuss Familie, Senioren, Frauen und Jugend gearbeitet, in der Enquête-Kommission Demografischer Wandel, in der deutsch-kaukasischen Parlamentariergruppe für Georgien, Armenien und Aserbaidschan und im Europarat, unter anderem. Und doch, nehmen wir einmal an, der Bundestag wäre ein Handwerksbetrieb, eine Töpferei zum Beispiel, es gäbe keinen einzigen Topf, unter den sie nach neun Jahren ihre Signatur setzen könnte. Noch nicht einmal unter das Gesetze, das die Altenpflegeausbildung bundesweit einheitlich regeln soll und in dieser Regierungszeit im Kabinett verabschiedet wurde: Es habe den Bundestag mit »ordentlicher Mehrheit« passiert, sei ganz knapp durch den Bundesrat gerutscht, dann aber an Bayern hängen geblieben – Bayern klagte beim Bundesverfassungsgericht... 
Falls sie unzufrieden ist, dann verbirgt sie es meisterlich. Sie sei immerhin über fünfzig gewesen, als sie in den Bundestag einzog, da erwarte man nicht, dass man kommt, sieht und siegt. Irgendwie ist es ein Jammer, dass wir nicht immer achtzehn bleiben. 
Von Christa Lörcher bleibt ihr Nein. Nachdem ich später am »Empfang« den Besucherbutton gegen meinen Pass zurückgetauscht habe, trete ich in die Mittagshitze. Drüben am Reichstag flanieren Touristen, in Jesuslatschen, schlabbrigen Shorts, verschwitzten T-Shirts, mit Sonnenmützen, Rucksäcken und Coca-Cola-Büchsen. Die Schulklasse im Schatten der Bäume muss die sein, mit der sich Christa Lörcher in ein paar Minuten treffen wird. Schüler, hat sie mir erzählt, fragen immer nach dem November. Sie fragen: Dürfen Sie das denn, nach Ihrem Gewissen entscheiden? 
Noch nicht mal achtzehn, und schon so vergreist – es ist immer noch schlimmer, als man annimmt. Christa Lörcher wird ihnen erklären, es stehe im Grundgesetz, dass die Vertreter unseres Volkes nur ihrem Gewissen verpflichtet sind. Sie werden die Augen aufreißen. Und eine Frau sehen, die in die Schlagzeilen kam, weil sie den Satz aus dem Grundgesetz ernst nahm. Es ist gut, dass sie sie sehen. Besser, als wenn sie sie nicht sehen könnten. 

 
(moral sense / Christina Matte / ND 29.06.2002)