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Christa
Lörcher – für einige Tage stand sie im Rampenlicht der Geschichte.
Fotos:
Joachim Fieguth
Gern
lädt sie Schulklassen zu sich ein. |
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Christa Lörchers Ruhm
passt in eine Handtasche. Als ich zu ihr gehe, trage ich ihn bei mir: ein
paar Kopien von Zeitungsartikeln aus dem letzten November. Vorher hat sie
keine Schlagzeilen gemacht, hinterher auch nicht. Ihre Themen als Bundestagsabgeordnete
sind unspektakulär: Migranten, alte und behinderte Menschen schaffen
es in den Zeitungen nur selten ganz nach vorn. So auch nicht im letzten
November. Und doch erschien Christa Lörchers Name mehrfach auf den
ersten Seiten. Zunächst, weil sie bei der Abstimmung über den
Einsatz deutscher Soldaten im Krieg gegen Afghanistan, die Bundeskanzler
Gerhard Schröder mit der Vertrauensfrage verband, in den Reihen ihrer
Partei zu den »unsicheren Kandidaten« gehörte. Dann, weil
sie schließlich als Einzige aus der Fraktion der Kanzlerpartei gegen
diesen Einsatz stimmte. In den Tagen dazwischen liegt ihre Leistung: Statt
der Mehrheit folgte sie ihrem Gewissen.
Eigentlich müssten
wir uns ja wundern, dass so etwas preiswürdig ist. Das Komische: Wir
wundern uns nicht. Wir sind nicht mehr achtzehn und nicht mehr naiv – wir
hatten Zeit, herauszufinden, dass es Mut braucht, sich quer zu stellen,
wir aber ziemlich feige sind. Die Abwesenheit von Verwunderung erzählt
aber noch etwas anderes: Längst haben wir uns mit einem Bild von Gesellschaft
und Politik arrangiert, in dem »Sachzwänge«, Anpassung
und Karriere dominieren.
Darüber, nehme ich
mir vor, werde ich mit Christa Lörcher nicht reden. Sie würde
sowieso widersprechen. Schon, weil sie das als Politikerin müsste.
Andererseits bin ich mir sicher: Sie könnte das Bild auch nicht akzeptieren.
Sie würde dagegenhalten, dass sie als neuntes Kind einer Pfarrersfamilie
auf dem Dorfe geboren wurde, wo es ganz selbstverständlich war, sich
um andere zu kümmern, soziales Engagement zu entwickeln. Sie würde
an Tübingen erinnern, wo sie nicht nur Mathematik studierte, sondern
mitmachte bei den Studentenprotesten, weil sie es als ungerecht empfand,
dass nicht alle sich Bildung leisten können. Sie würde die SPD,
der sie 1970 beitrat, ihre politische Heimat nennen, wo sie mitgestalten
kann im Sinne ihres Ideals: Chancengleichheit für Kinder, Frauen,
ausländische Mitbürger, kurz gesagt, Chancengleichheit für
alle.
Das würde sie mir freundlich
erklären; so steht es in meinen Zeitungsausschnitten. Sie legt Wert
auf Glaubwürdigkeit, vielleicht, weil sie tief im Innern ahnt, dass
es genau daran fehlt. Und die »gläserne Abgeordnete«,
die ihre Bezüge und Ausgaben regelmäßig öffentlich
macht, würde mich überzeugen wollen, Politik sei ein ehrliches
Geschäft, einzig dem Gemeinwohl verpflichtet. Einen kurzen Augenblick
hätte ich Lust, ihr Glauben zu schenken.
Im Jakob-Kaiser-Haus nahe
dem Reichstagsgebäude wird meine Handtasche durchleuchtet. Das Archiv
ist harmlos, kein Sprengstoff: Christa Lörchers Novemberruhm hat Deutschland
nicht wirklich erschüttert. Die Frau aus Villingen-Schwenningen holt
mich beim Empfang ab (so heißt das ), um mich in ihr Büro zu
geleiten. Was die Sicherheit betrifft: Die Gefahr, die von außen
droht, ist nichts gegen die, die hier drinnen lauert. Der riesige Büroneubau
der Berliner Republik – ein architektonisches Attentat. Düster-mahnend,
wo auch mal ein erbaulich-aufbauender, selbstbewusster Blick Not täte,
Korridore, die wie Balkone über einem Schacht hängen, dessen
kalkweiße Rückwand im Neonlicht flimmert...
Kein guter Ort, wenn man
depressiv, einsam oder verzweifelt ist. Christa Lörcher ist nichts
von alldem. Freunde sagen: Sie ist stark. Als sie ihre zwei Kinder verlor,
die mukoviszidosekrank waren, stand sie das mit ihrem Mann durch – die
Gemeinschaft zerbrach nicht, sie wurde enger. Da sie sich nicht mehr im
Stande fühlte, weiter Kinder zu unterrichten, begann sie von vorn
– in der Altenpflege. Jetzt lacht sie in meine Richtung: »Wenn Sie
denken, ich war im November allein, dann irren Sie sich: In meinem Wahlkreis
im Schwarzwald hielten Freunde und Bekannte, darunter auch SPD-Mitglieder,
seit Oktober Mahnwachen; sie stärkten mir in diesen Tagen den Rücken.«
Ihr Mann sei sogar nach Berlin gekommen. So konnten sie abends nach den
Gesprächen, Aussprachen und Sitzungen gemeinsam über die Vorwürfe
reden, mit denen man sie einschüchtern wollte. Oder gemeinsam darüber
lachen. Der Fraktiondruck sei hart gewesen. »Als es um Mazedonien
ging«, sagt sie, »war der Respekt füreinander noch größer.
Jetzt fehlt Verständnis füreinander.« Es rutscht ihr raus,
nur dies, nicht mehr. Die Frau, die mir über den Gang vorauseilt,
hinter dem ein Schacht abfällt, wirkt ausgeglichen, wenn nicht heiter.
Perfekte Frisur, fließendes Kleid, Goldkettchen an Hals und Handgelenken.
Sie öffnet die Tür: »Treten Sie ein.«
Ihr Büro ist freundlich-hell,
an der Wand ein Kinderbildnis. Christa Lörcher streift ihre Sandalen
ab, eine Frau wie du und ich, draußen ist das Thermometer über
30 Grad geklettert. Zu Beginn des Gesprächs will sie wissen, ob ich
gegen die SPD schreiben möchte oder mich für »das Persönliche«
interessiere. Zu Attacken auf ihre Partei mag sie sich nicht hergeben,
auch jetzt nicht, da sie die Fraktion verließ. »Es stimmt nicht,
dass ich gezwungen wurde, man hat mich aufgefordert«, erklärt
sie. Als ob das ein Unterschied wäre. Das ist das Problem bei Politikern:
Sie sind auch als Menschen so sehr Partei, dass man nicht mehr unterscheiden
kann, wo das eine beginnt und das andere aufhört.
Natürlich gibt es biografische
Fakten, die nur zu Christa Lörcher gehören. Fakten, die sie für
einige Tage ins Rampenlicht der Geschichte rückten. Zum Beispiel,
dass sich jenes Städtchen, in dem sie ’41 zur Welt kam, heute auf
dem Gebiet Polens befindet: eine Kindheit auf der Flucht. Angst, Hunger,
Gewalt und Tod – keine Kindheit, die Kinder erleben dürfen. Über
Kindheiten nachzudenken, mit den Müttern zu empfinden, die ihre Kinder
begraben müssen, begann sie, als sie um die eigene Tochter und den
eigenen Sohn bangte. Seitdem weiß sie: Leid ist überall gleich,
ob im Schwarzwald oder in Mazedonien, in Afghanistan, im Irak. Sie wurde
Pazifistin, deshalb, Pazifistin wegen der Kinder. Das »Sag NEIN«,
das Wolfgang Borchert in seinem Antikriegsbuch »Draußen vor
der Tür« anmahnte, machte sie sich zur Verpflichtung. Christa
Lörcher sagte Nein. »Bomben, warum man sie auch einsetzt, sind
Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bomben zerstören die Infrastruktur
– Schulen, Krankenhäuser, Menschen. Dass Menschen zu Schaden kommen,
will ich nicht verantworten.«
Jene Tage im November seien
für sie nicht dramatisch, eher anstrengend gewesen. »Andere
haben mehr gezittert.« In keinem einzigen Augenblick habe sie an
ihrem Nein gezweifelt. Gut, sie habe zugehört, die Argumente abgewogen,
und als Erhard Eppler meinte: »Ob wir so oder so entscheiden, Schuld
laden wir in jedem Fall auf uns«, sei sie sehr nachdenklich geworden.
Der Hinweis auf Bündnisverpflichtungen habe sie weniger beeindruckt,
da habe sie eigene Vorstellungen: humanitär helfen, Minen räumen,
eine Polizeitruppe aufbauen. Man habe ihr entgegengehalten, dass man dies
alles gar nicht könne, solange die alte Regierung da sei. Auch sie
wisse keineswegs genau, wie man gegen Diktaturen vorgeht, in einem sei
sie aber sicher: »Bomben sind das falsche Mittel.«
Christa Lörcher hat
ihre Gewissheit. Mit einer Gewissheit hat man es leichter, jedenfalls in
gewisser Weise. Was machen die, denen die Gewissheiten fehlen? Wer hätte
Deutschland von Hitler befreit, wenn die USA ’41 pazifistisch gewesen wären
und die zweite Front nicht eröffnet hätten? Wäre Hitler
möglich gewesen, wenn die Weimarer Demokratie sich ein wenig weniger
wehrlos und etwas mehr wehrhaft gezeigt hätte? Ist die pazifistische
Idee eine schöne Utopie wie einst die kommunistische?
Gewissheit und Gewissen
haben nicht zufällig denselben Wortstamm. Und doch, wer ratlos und
zerquält ist, darf man den gewissenlos nennen? »Das mit den
USA und Hitler, das kommt immer«, winkt Christa Lörcher ab.
»Man muss immer genau hinsehen. Wenn es heißt, die afghanischen
Frauen seien jetzt vom Schleier befreit, dann wissen wir erstens nicht,
ob das stimmt, und zweitens heiligt der Zweck nicht die Mittel.«
Keine Antwort, doch eine Haltung. Ohne die es die Krieger der Welt noch
ein bisschen leichter hätten.
Dennoch räumt Christa
Lörcher ein, dass Gewissheit und Gewissen sehr persönliche Dinge
sind. Sie will anderen ihre Sicht auf die Dinge nicht aufzwingen. So versteht
sie auch den Gewerkschafter, »der weiter regieren will, weil wir
mit der FDP oder unter Edmund Stoiber eine andere Republik hätten«.
Sie verweist auf die Trendwenden in Agrarwirtschaft und Energiepolitik,
die ihre Partei herbeigeführt habe, die außenpolitische Trendwende
übergeht sie an dieser Stelle. »Ach«, sagt sie, als ich
darauf hinweise, »das ging doch schon Jahre Schritt für Schritt.
Und wenn man sagt, die Konservativen hätten sich weniger exponiert,
weil sie nichts hätte beweisen müssen, dann stimmt das so einfach
nicht. Wie die mit der Rüstung verbandelt sind, sind die bei jedem
Einsatz dabei!« Einen Atemzug zögert sie: »Deshalb wundert
es mich ja, dass meine Partei das mitgemacht hat.«
Jemand, der sich noch wundern
kann? Oder ist Christa Lörcher einfach nur eine gute Wahlkämpferin?
Ich behaupte: Beides trifft zu. Obwohl sie demnächst ihr Büro
räumen wird. Nach neun Jahren im Parlament wird sie nicht mehr kandidieren.
Doch sie sagt nicht: »Ohne Listenplatz stünden meine Chancen
gleich Null, noch einmal gewählt zu werden«, sondern: »Letztes
Jahr wurde mein Mann pensioniert, wir wollen mehr Zeit miteinander verbringen.
Meine parlamentarische Arbeitswoche beträgt 80 Stunden, da bliebe
für uns wenig übrig.« Natürlich stimmt das, was sie
sagt. Doch was sie nicht sagt, ist auch richtig.
Kein schöner Abschied
nach neun Jahren. »Wieso nicht«, fragt sie, »was ist
daran schlecht?« Christa Lörcher schlüpft wieder in ihre
Sandalen, denn nun wird es etwas feierlich. Ihre Jahre als Parlamentarierin
seien wichtige Jahre gewesen: Sie habe »viele Menschen kennen gelernt,
viele Probleme, auch über die Grenzen hinaus, das, was andere Länder
beschäftigt«. – Sie kann Nein sagen, und sie kann nichts sagen.
Und es wäre ja wirklich ermüdend, wenn sie alle Ausschüsse,
Kommissionen, Arbeitsgruppen, in den sie mitwirkte, aufzählte. Dafür
gibt es Papier, sie schiebt es mir hin: Sie hat im Ausschuss Familie, Senioren,
Frauen und Jugend gearbeitet, in der Enquête-Kommission Demografischer
Wandel, in der deutsch-kaukasischen Parlamentariergruppe für Georgien,
Armenien und Aserbaidschan und im Europarat, unter anderem. Und doch, nehmen
wir einmal an, der Bundestag wäre ein Handwerksbetrieb, eine Töpferei
zum Beispiel, es gäbe keinen einzigen Topf, unter den sie nach neun
Jahren ihre Signatur setzen könnte. Noch nicht einmal unter das Gesetze,
das die Altenpflegeausbildung bundesweit einheitlich regeln soll und in
dieser Regierungszeit im Kabinett verabschiedet wurde: Es habe den Bundestag
mit »ordentlicher Mehrheit« passiert, sei ganz knapp durch
den Bundesrat gerutscht, dann aber an Bayern hängen geblieben – Bayern
klagte beim Bundesverfassungsgericht...
Falls sie unzufrieden ist,
dann verbirgt sie es meisterlich. Sie sei immerhin über fünfzig
gewesen, als sie in den Bundestag einzog, da erwarte man nicht, dass man
kommt, sieht und siegt. Irgendwie ist es ein Jammer, dass wir nicht immer
achtzehn bleiben.
Von Christa Lörcher
bleibt ihr Nein. Nachdem ich später am »Empfang« den Besucherbutton
gegen meinen Pass zurückgetauscht habe, trete ich in die Mittagshitze.
Drüben am Reichstag flanieren Touristen, in Jesuslatschen, schlabbrigen
Shorts, verschwitzten T-Shirts, mit Sonnenmützen, Rucksäcken
und Coca-Cola-Büchsen. Die Schulklasse im Schatten der Bäume
muss die sein, mit der sich Christa Lörcher in ein paar Minuten treffen
wird. Schüler, hat sie mir erzählt, fragen immer nach dem November.
Sie fragen: Dürfen Sie das denn, nach Ihrem Gewissen entscheiden?
Noch nicht mal achtzehn,
und schon so vergreist – es ist immer noch schlimmer, als man annimmt.
Christa Lörcher wird ihnen erklären, es stehe im Grundgesetz,
dass die Vertreter unseres Volkes nur ihrem Gewissen verpflichtet sind.
Sie werden die Augen aufreißen. Und eine Frau sehen, die in die Schlagzeilen
kam, weil sie den Satz aus dem Grundgesetz ernst nahm. Es ist gut, dass
sie sie sehen. Besser, als wenn sie sie nicht sehen könnten. |