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Auf
dem Aryan-Nations-Gelände in Hayden Lake
Foto:
Grumke |
Amerikanischer Rechtsextremismus wird sowohl
in Deutschland als auch in den USA selbst – trotz des Bombenanschlages
von Oklahoma City im April 1995 – wenig thematisiert. Tatsächlich
existiert aber eine lebendige rechtsextreme USA-Szene, die ihr deutsches
Pendant an offener Radikalität und Gewaltbereitschaft noch um einiges
übertrifft.
Gerade vor dem Hintergrund der Terroranschläge
vom 11. September, in deren Folge sich neben deutschen auch amerikanische
Rechtsextremisten bemüßigt fühlten, mit den Tätern
zu sympathisieren oder zumindestens deren mutmaßliche Motive wohlwollend
zu interpretieren, ist es angezeigt, dieses Phänomen näher zu
beleuchten. Schätzungen zur Gesamtzahl der Rechtsextremisten schwanken
zwischen 100000 und 250000 Personen, die sich in mehr als 500 Gruppen organisieren.
Diese decken ein großes Spektrum organisatorischer und ideologischer
Vielfalt ab. Besonders erwähnenswert sind zwei spezifische Ideologieformen
des Rechtsextremismus, die außerhalb Nordamerikas kaum zu finden
sind. Dies ist zum einen die bibelzentrierte Christian Identity-Ideologie
und zum anderen die pointiert anti-christliche Creativity-Ideologie. Daneben
gibt es Anhänger des orthodoxen Nationalsozialismus, die die Zeichen
und Symbole des NS-Regimes weiterverwenden und in der Regel einen Hitlerkult
betreiben (wie Gary Lauck mit seiner NSDAP/AO), sowie Vertreter eines sogenannten
»dritten Weges«. Für letztere steht beispielsweise der
Weiße Arische Widerstand (White Aryan Resistance - WAR) des Tom Metzger.
Apokalyptischer Kampf gegen die jüdische
Konspiration
Die seit den 40er Jahren in den USA verbreitete
Christian Identity-Ideologie (CI) ist um drei christlich-religiös
abgeleitete Komponenten herum aufgebaut: So lehrt CI erstens, dass weiße
»Arier« direkte Nachfahren der biblischen Stämme Israels
und daher auf der Erde seien, um Gottes Werk zu verrichten. Propagiert
wird zweitens, dass Juden nicht nur keinerlei Verbindungen zu den Israeliten
hätten, sondern dass sie die wahrhaften Kinder des Teufels, die biologischen
Nachkommen einer sexuellen Verbindung zwischen Satan und Eva im Garten
Eden darstellten. Drittens befindet sich nach CI die Erde am Rande eines
apokalyptischen Kampfes zwischen Gut und Böse, in welchem alle »Arier«
in eine Schlacht mit der jüdischen Konspiration und allen ihren Helfern
(etwa die »internationale Hochfinanz«) eintreten müssen,
um Erlösung in diese Welt zu bringen. In einer fundamental-rassistischen
Interpretation der Schöpfungsgeschichte werden Weiße von CI
als alleinige Nachkommen Adams dargestellt. Mit der so genannten »two-seed
doctrine« wird argumentiert, dass die Bibel einzig die Geschichte
der weißen Rasse sei: der alleinigen Nachkommen von Adam, der »Adamischen
Rasse«, also der wahren Israeliten. Juden sowie »nicht-weiße
Rassen« stellen in der CI-Ideologie die andere, die zweite Kreation
dar: »die Saat Lucifer«, also des Teufels. Der Glauben an die
direkte Abstammung aller Juden vom Teufel bildet die wohl typischste Komponente
innerhalb der Christian Identity-Ideologie. Der Holocaust wird deshalb
als Werk Gottes angesehen, die Welt von den Nachkommen Lucifers zu befreien.
Hauptvertreter der Christian-Identity-Ideologie
ist trotz der Niederlage in einem 12,5-Millionen-Dollar-Schadenersatzprozess
im Vorjahr die Church of Jesus Christ-Christian/Aryan Nations (CJJC/AN).
Seit ihrer Gründung im Jahre 1946 gehen von der CJJC starke Impulse
auf den gesamten Rechtsextremismus in den USA aus. Die geschickte organisatorische
Trennung von Kirche (CJJC) und dem 1973 gegründeten politischem Arm
(AN) macht es möglich, bei den AN mitzuarbeiten, ohne Mitglied der
CJJC-Gemeinde zu werden. 1997 wurden 81 unabhängige CI-Kirchen in
den USA gezählt, die etwa 50000 Anhänger auf sich vereinen.
Die »weiße Rasse« steht
auch im Mittelpunkt bei der von Ben Klassen entworfenen Creativity-Ideologie,
die als Begründerin aller Zivilisation glorifiziert wird. Anders als
CI basiert Creativity jedoch nicht auf dem Christentum, sondern setzt sich
entschieden ablehnend hiervon ab. Rasse wird zur Religion erhoben, wobei
auch hier Antisemitismus eine zentrale Stellung einnimmt. Juden werden
als die »natürlichen Feinde« der »weißen Rasse«
identifiziert und verurteilt. Als heiliges Buch gilt Klassens »Bibel
des Weißen Mannes« von 1981, wo allgemeine Verhaltensregeln
für die Anhänger festgelegt sind. Verfolgt wird eine pan-arische
Strategie, bei der die Rasse wichtiger ist als die Nationalität und
»rassische Loyalität« in jedem Fall über nationaler
steht. Ziel ist der »Heilige Rassenkrieg« (kurz: RAHOWA), ein
Krieg zur Beseitigung aller »Nicht-Weißen« aus den USA.
Heiliger Rassenkrieg und arische Revolution
Alleiniger Vertreter der Creativity-Ideologie
ist die World Church of the Creator (WCOTC). Die WCOTC erfährt heute
nach ihrem fast völligen Verschwinden Mitte in den 90er Jahren durch
die Führung des neuen, jetzt 30-jährigen Juristen und »Pontifex
Maximus« Matt Hale einen zweiten Frühling. Gegründet von
Ben Klassen im Jahre 1973, gliedert sich die beständig wachsende WTOTC
gegenwärtig in ca. 40 Untergruppen in den USA sowie in Australien
und Schweden auf. Mit eigenen Radio- und Fernsehshows sowie Flugblatt-
und Propagandaaktionen ist die WTOTC die zur Zeit aktivste rechtsextreme
Gruppierung in den USA.
Einflussreichste und bestorganisierte
rechtsextreme Organisation in den USA ist gegenwärtig die 1970 gegründete
National Alliance (NA). Mit mindestens 1500 registrierten Mitgliedern ist
sie auch eine der größten. Organisatorisch ist die National
Alliance streng hierarchisch gegliedert, alle Fäden laufen im Hauptquartier
in Hillsboro, West Virginia, zusammen. Von dort aus trifft der ehemalige
Physikprofessor William Pierce als absoluter Führer alle Entscheidungen.
Falls in einer Region mehr als fünf Mitglieder vorhanden sind, verzweigt
sich die NA weiter in Local Units, von denen 1998 in den USA 35 existierten.
Die sich dem Nationalsozialismus verbunden fühlende Alliance unterhält
eine hochmoderne Internetseite, von der auch das wöchentliche NA-Radioprogramm
in digitalisierter Form heruntergeladen werden kann. Pierce unterhält
aktive Beziehungen mit »Kameraden« in Europa, u.a. mit der
NPD, und besitzt mit Resistance Records einen der weltweit größten
Vertriebe von rechtsextremer Musik.
Keine herkömmliche Partei oder Organisation
ist der 1983 gegründete Weiße Arische Widerstand (WAR), eine
WAR-Mitgliedschaft kann nicht erworben werden. Viel mehr beruht WAR auf
einer ideellen Zugehörigkeit. WAR-Gründer Tom Metzger hat überhaupt
keine Probleme, einen bunten Mix von Odinisten, Skinheads, ehemaligen Trotzkisten
und Leninisten bis hin zu Satanisten zu akzeptieren, solange diese seine
Form des aggressiven Rassismus unterstützen und wie er Rasse als oberstes
Leitprinzip anerkennen. WAR vertritt am aggressivsten das Konzept der »arischen
Revolution« und ist sehr einflussreich bei Skinheads.
Die US-amerikanische Skinheadszene umfasst
gegenwärtig ca. 5000 zumeist gewaltbereite Personen. Interessant ist,
dass sich, wie auch in Deutschland, viele aus den Teenagerjahren herausgewachsene
Skins nun einer neuen Strategie zu bedienen scheinen, die ein unauffälliges
Auftreten nach außen (keine Glatze, keine Springerstiefel etc.),
aber unveränderte politische Tätigkeit beinhaltet. Auch in den
USA gibt es eine große Anzahl von rechten Skinbands, die national
wie international auftreten und mit ihrer Musik einen außerordentlich
großen Einfluss auf die Skinheadszene ausüben.
Die bekannteste der zahllosen NS-Splittergruppen
ist die NSDAP/AO, die innerhalb der europäischen extremen Rechten,
vor allem durch die massenhafte Bereit-
stellung von Propagandamaterial, wesentlich
einflussreicher ist als bei der heimischen. Deren Gründer und Führer
Gary Lauck ist auch nach der von ihm in Deutschland verbüßten
vierjährigen Haftstrafe weiter ein Aktivposten im internationalen
Rechtsextremismus und hat seine Propaganda neuerdings zunehmend ins Internet
verlagert.
Obwohl der Ku Klux Klan (KKK) die mit
Abstand älteste rechtsextreme Organisation in den USA ist (gegründet
1866), ist er heute nur noch ein Schatten seiner selbst. Im Jahre 1998
wurden 163 aktive Klangruppen verzeichnet, die jedoch ideologisch als auch
organisatorisch äußerst heterogen und oft sogar verfeindet sind.
Milizen gegen die Zionistisch Okkupierte
Bundesregierung
Größerer Einfluss kommt da
den Dutzenden rechtsextremen Milizen zu. Gegenwärtig geht man von
10-15000 bis an die Zähne bewaffneten Milizionären aus, die sich
in den gesamten USA formieren. Im Allgemeinen stellen die Milizen einen
hervorragenden Rekrutierungsraum für die etablierten rechtsextremen
Gruppen dar. So heterogen die extreme Rechte in den USA ideologisch wie
organisatorisch auch sein mag, so ist sie doch vor allem durch die Gegnerschaft
zur Regierung in Washington, Antisemitismus und Rassismus verbunden. Die
Bundesregierung wird als ZOG (Zionistisch Okkupierte Regierung) bezeichnet.
Mehr und mehr setzt sich das Konzept der »arischen Revolution«
durch, eine zweite amerikanische Revolution, doch diesmal im Namen eines
»arischen Amerika«.
Die liberalen gesellschaftlichen und rechtlichen
Rahmenbedingungen begünstigen in den USA die Entwicklung der Rechtsextremen
außerordentlich. Sie können sich kontinuierlich und fast ohne
staatliche Eingriffe entfalten. Es existiert ein florierender Markt mit
Zeitschriften, Büchern, Audio- und Videokassetten rechtsextremen Inhalts
sowie einer Unzahl von Devotionalien. Alle hier dargestellten Gruppierungen
unterhalten eine Seite im Internet, viele davon auf dem neuesten Stand.
So wird rechtsextreme Propaganda aus den USA global verbreitet und rege
transatlantische Kommunikation betrieben.
Was das rechtsextreme Gewaltpotenzial
in den Vereinigten Staaten anbetrifft, ist wenig bekannt, dass allein in
den 80er Jahren 103 Personen für als terroristisch zu bezeichnende
rechtsextreme Gewalttaten verurteilt wurden. Größte Notorität
erreichte in dieser Zeit die hauptsächlich aus Mitgliedern der Aryan
Nations und der National Alliance zusammengesetzte Gruppe »The Order«,
die von 1983 bis 1985 in Vorbereitung auf die »arische Revolution«
mehrere Überfälle und zwei Morde verübte. So genannte »Lone
wolf«-Aktionen, wie die von WCOTC-Mitglied Benjamin Smith, bei dessen
Amoklauf im Juli 1999 zwei Menschen umkamen, oder die von Aryan-Nations-Sicherheitschef
Buford Furrow im August 1999, der einen jüdischen Kindergarten in
Los Angeles stürmte und eine Person erschoss, setzen sich immer stärker
in der extremen Rechten durch.
In einschlägigen Publikationen wie
dem Roman »The Turner Diaries« des National-Alliance-Führers
William Pierce wird die rechtsextreme Sakralisierung der Gewalt besonders
deutlich. In diesem zu Recht als »rechtsextreme Bibel« bezeichneten
Roman nimmt die »arische Revolution« ihren Anfang in einem
Bombenattentat auf das Hauptquartier des FBI und erlebt ihren Höhepunkt
im so genannten »Day of the Rope«, an dem Zehntausende Personen
mit Schildern wie »Ich habe meine Rasse verraten« an Straßenrändern
aufgehängt werden. Nach einem nuklearen Bürgerkrieg und einer
»mopping-up period« (der Tötung aller »Nicht-Weißen«)
ist die gesamte Welt am Ende des Romans »arisch«, das Blutvergießen
»hat sich gelohnt«.
Es ist bezeichnend, dass auch hier Gewalt
eher als Heilmittel, denn als Krankheit dargestellt und damit bewusst bejaht
und verteidigt wird. Diese kompromisslos positive Haltung zur Gewalt –
als einzige Lösung des Problems der empfundenen fundamentalen Unterdrückung
der »arischen Rasse« durch die ZOG – ist der extremen amerikanischen
Rechten inhärent. Gewalt wird dabei oft als von außen oktroyierte
letzte Ressource im Kampf ums Überleben gesehen.
Ein weiteres Beispiel rechtsextremen Gewaltpotenzials
verkörpert der inzwischen in Haft sitzende Herausgeber des »Nationalist
Observers«, Alex Curtis. Curtis ist sich sicher, dass es zu Gewalt
kommen wird, da »die Regierung, die uns und unsere Nation okkupiert,
skrupellos und blutig unsere Rasse ermordet«. Erlaubt sind in diesem
Kampf alle Mittel, einschließlich biologischer und chemischer Waffen:
»Tausend Timothy McVeighs (der Oklahoma-Attentäter – d.R.) würden
dieser rassisch korrupten Gesellschaft jede Stabilität entziehen«,
schreibt Curtis. Die Titelstory vom Juni 2000 seines inzwischen vom Netz
genommenen »Nationalist Observer« mit der Überschrift
»Biologie für Arier« bot eine detaillierte Gebrauchsanweisung
zur Herstellung und zum Einsatz von hochgiftigen Substanzen wie Milzbranderregern
und Typhuskulturen an. In diesem Artikel weist Curtis vor allem auf das
günstige »Preis-Leistungs-Verhältnis« hin, da mit
relativ geringen Kosten relativ vielen Feinden der Garaus gemacht werden
könne. Vorbild für Curtis war möglicherweise das ehemalige
Aryan-Nations-Mitglied Larry Wayne Harris. Schon im Jahre 1995 experimentierte
der Mikrobiologe mit Pest-Erregern (Yersinia pestis) und wurde nach seiner
Verurteilung im Jahre 1998, diesmal mit Milzbranderregern (Anthrax), erneut
festgenommen.
Gewaltbereitschaft mit ideologischer
Unterfütterung
Wie gezeigt, verfügen Rechtsextremisten
in den USA sowohl über den notwendigen ideologisch unterfütterten
Fanatismus als auch über das Know-how, Anschläge mit biologischen
Waffen auszuüben. Dazu ist es zwingend notwendig, eine Ideologie der
Delegitimation zu verinnerlichen, die das ideologische Framework wie die
Rechtfertigung für das Verüben der Gewalttat darstellt. Hierbei
»füttert« die Ideologie sozusagen die auf den Stufen der
Radikalisierung aufsteigenden Personen ständig. In diesem Sinne ist
es dann nicht mehr entscheidend, ob die USA als »zionistisch okkupiert«
oder als »Großer Satan« angesehen werden, das World Trade
Center gilt in beiden Fällen als überragendes Symbol der »mammonistischen
Weltherrschaft« und die amerikanische Regierung als »jüdisch
kontrolliert«, ihre Repräsentanten als Handlanger des feindlichen
»Systems«. Als ob er die gegenwärtige Situation vorausgesehen
hätte, verbreitete Alex Curtis vor etwa einem Jahr im Internet: »100g
Anthrax sauber über Washington, DC, verteilt, könnten zwischen
150000 und drei Millionen Menschen töten. Erblasse vor Neid, Tim McVeigh!«
Zu den wichtigsten
rechtsextremen Gruppen und Aktivisten in den USA gehören:
Church of Jesus Christ-Christian/ Aryan Nations (CJCC/AN)
Gegründet: 1946 (CJCC) bzw. 1973 (AN) Hauptsitz: seit Pfändung
des Anwesens in Hayden Lake, Idaho, unklar Führer: Ray Redfairn (seit
Sept. 2001), vorher Richard Butler
National Alliance (NA)
Gegründet: 1974 Hauptsitz: Hillsboro, West Virginia Führer:
Dr. William Pierce
World Church of the Creator (WCOTC)
Gegründet: 1973 Hauptsitz: East Peoria, Illinois Führer:
Matt Hale
White Aryan Resistance (WAR)
Gegründet: 1983 Hauptsitz: Fallbrook, Kalifornien Führer:
Tom Metzger
NSDAP/Auslands- und Aufbauorganisation (NSDAP/AO)
Gegründet: 1972 Hauptsitz: Lincoln, Nebraska Führer: Gary
»Gerhard« Lauck
Unser Autor ist Lehrbeauftragter am John-F.-Kennedy-Institut der
FU Berlin und wiss. Mitarbeiter am Zentrum
Demokratische Kultur. Seine Dissertation an der Europa-Universität
Viadrina Frankfurt/Oder erschien unter dem Titel »Rechtsextremismus
in den USA« bei
Leske + Budrich, Opladen 2001
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