Der Begriff "moral sense" (dt.: moralischer Sinn, Francis Hutcheson (1694 - 1796)) bringt zum Ausdruck, daß moralische Wertungen einem Vermögen der Seele entspringen, die Harmonie oder Disharmonie ihres Zustandes zu empfinden und dabei in Form der sittlichen Entscheidung Stellung zu nehmen.
Der "moral sense" ist den anderen Sinnen darin ähnlich, daß er verschiedenen Menschen gleiche Erfahrungen vermittelt und daher zu erklären vermag, warum Menschen dieselben moralischen Urteile fällen, ohne auf die Annahme zurückzugreifen, daß es besondere moralische Tatsachen gebe. Beim "moral sense" handelt es sich um ein Prinzip der menschlichen Natur, das nicht auf einfachere Erlebnisweisen oder auf die Vernunft zurückgeführt werden kann. Hutcheson verwendete den Begriff "moral sense", um eine Ethik aufzubauen.
Der "moral sense" veranlaßt den Menschen zur Billigung altruistischer Motive bzw. Dispositionen und zur Mißbilligung menschenfeindlicher Neigungen. Er führt zu einer Form des Altruismus, i. S. einer wohlwollenden Einstellung des Menschen, die sich auf das größtmögliche Glück bzw. die größtmögliche Vervollkommnung eines sozialen Ganzen richtet. Die damit einhergehende moralische Billigung vollzieht sich unabhängig von Nützlichkeitsgesichtspunkten und Trieberfüllungen.
Die gleichzeitige Annahme eines Ideals der Harmonie von Neigungen erlaubt es, auch den egoistischen Trieben eine positive Bedeutung beizumessen, sofern sie nur die innere Harmonie der Persönlichkeit nicht beeinträchtigen.